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Kritiken von "VideobusterRedaktion" aus

293 Kritiken in dieser Liste

Darstellung:
  • Duplicity - Gemeinsame Geheimsache
    Vertrauen ist gut. Vermögen ist besser.
    Thriller, Krimi
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 02.10.2009
    Zwei hinreißend verdorbene Schurken betrügen reiche allein stehende Frauen und rangeln um die dicksten Fische im Teich. Michael Caine und Steve Martin lieferten sich 1988 unter der Regie von Frank Oz ein Hochstaplerduell an der Côte d'Azur. Amüsant, kurzweilig, überraschend und manchmal albern ("Dr. Schaffhausen, warum hat er einen Korken auf der Gabel?"). ZWEI HINREISSEND VERDORBENE SCHURKEN hat sich in der Erinnerung festgesetzt, als eine lupenreine Gaunerkomödie mit Esprit.

    Zeitsprung ins Jahr 2009. Tony Gilroy lässt seine zwei verdorbenen Spione Julia Roberts und Clive Owen mit dem deutschen Verleihstart von DUPLICITY auf einander los - für Sie ab sofort wahlweise auf DVD oder Blu-ray. Erwarten können Sie eine lupenreine... keine lupenreine Komödie, auch einen Thriller, Wirtschaftskrimi und eine Lovestory. Politische Vergleiche gehen häufig daneben, trotzdem möchten wir die DUPLICITY-Machart mit der deutschen Wahlkampflandschaft vergleichen: Nicht anecken, es möglichst vielen 'Unentschlossenen' recht machen und am Ende steht man ohne Stimmen da. Die Suche nach dem Wahlprogramm bei DUPLICITY fällt schwer, denn welche Punkte sollen hier Begeisterung auslösen? Die Besetzung ist das größte Zugpferd. Clive Owen zählt zu den engagiertesten, authentischsten Darsteller unserer Zeit und Julia Roberts hat ihre weltweite Anhängerschaft über Jahrzehnte nicht enttäuscht. Selbst der Hollywood'sche chirurgische Schönheitswahn scheint sie im Gegensatz zu vielen anderen Mitstreiterinnen ihrer Generation nicht verdorben zu haben. Zusammen lassen sich Roberts und Owen auf eine 'Gemeinsame Geheimsache' ein.

    DUPLICITY bedeutet Doppelspiel und wie dieses zustande kam, das können Sie sehr schön im Audiokommentar des Autors und Regisseurs Tony Gilroy verfolgen. Nachdem sein Drehbuch einige Jahre bei 'Universal' im Regal lag, nahm er die Geschichte - die ihn über die Jahre einfach nicht losließ - eigenhändig in Angriff. Weil Steven Spielberg das Buch nicht wollte, weil anschließend George Clooney bei einem Empfang auf Gilroy zukam um ihm Clive Owen vorzustellen, der doch wie geschaffen schien für die Rolle des Spions Ray Koval! Einmal um den Globus nimmt Gilroy sein Publikum, von Dubai über New York, Rom, London und so weiter und so fort. Mit Splitscreen-Einschüben, in denen mehrere Filmbilder nebeneinander gezeigt werden, soll der hippe Eindruck bestärkt werden und die Musik von James Newton Howard begleitet die gesamte Szenerie. Wenn Roberts sich in der Abendsonne mit Teller und Glas an einen Tisch setzt, erklingen romantische Klaviertöne. Wenn es spannend werden soll, dreht der Soundtrack dominierend auf. Das wirkt subjektiv betrachtet (gehört) mithin so penetrant, dass eine gesonderte, reine Dialog-Audiospur herbeigesehnt wird. Schöne Szenen wie ein Schlagabtausch zwischen den Hauptdarstellern in einer Hotelsuite oder eine packende Sequenz, die sich um ein Blatt Papier dreht, kommen fast gänzlich ohne Musikteppich aus und sind für uns deshalb die 'geheimen' Höhepunkte von DUPLICITY.

    Am Ende bleibt ein fader Beigeschmack, eher 'verdorben' als 'hinreißend'. Auch wenn man zur Ehrenrettung von DUPICITY sagen muss, dass er es nicht verdient hat, in all seine Bestandteile zerlegt und kritisiert zu werden. Ob nun die Füllhöhe der Sektgläser in der letzten Szene von Schnitt zu Schnitt fälschlich variiert - wie es manche Filmfanatiker erkannt haben wollen - ist nun wirklich Haarspalterei. Haarsträubend übrigens ist die Idee mit der Formel eines Produkts, hinter der alle her sind und die einen gigantischen Wirtschaftszweig anstoßen könnte. Ein schöner Einfall des Autors Gilroy, noch dazu hat er den Firmenchef mit Paul Giamatti dementsprechend sehr passend besetzt. Giamatti trat allerdings als Gegenspieler von Clive Owen schon wesentlich unterhaltsamer in Erscheinung - man denke an den bewusst übertriebenen SHOOT'EM UP (2007). Und wo wir einmal bei Clive Owen sind: Der hat sich in CLOSER (2004) mit Julia Roberts schon einen weit heftigeren Schlagabtausch geliefert, ohne den charmanten DUPLICITY-Umgangston, eher mit grimmigem Realismus. Dazu hatte Owen kurz vor DUPLICITY (gedreht von März bis Mai 2008) bereits mit THE INTERNATIONAL (im September 2007) einen Wirtschaftskrimi unter der Regie des deutschen Tom Tykwer im Kasten, der wesentlich straffer inszeniert ist. Der wiederum ist ein lupenreiner Thriller mit ebenso vielen internationalen Schauplätzen und bekam darüber hinaus eine wirkungsvollere, tickend-pulsierende Musik vom eingespielten Komponisten-Gespann Tykwer/Heil/Klimek.

    Hier kommt es jetzt auf Ihren Geschmack an: Mögen Sie wie wir reine Genre-Vertreter oder genießen Sie ganz im Gegenteil einen Genre-Mix? Unsere 3-Sterne-Kritik für DUPLICITY ist zugegebenermaßen nicht sonderlich hilfreich. Nicht umsonst sollten doch Umfragen so gestaltet sein, das sie eine gerade Anzahl an Antwortmöglichkeiten vorgeben, damit kein mittlerer Durchschnittswert abgegeben werden kann, der weder zu Pro noch zu Contra zeigt. Aber wenn Sie Filme der Machart eines Steven Soderbergh mögen - zu dessen Werken OUT OF SIGHT (1998) mit George Clooney zählt, ERIN BROCKOVICH (2000) mit Julia Roberts oder OCEAN'S ELEVEN (2001) mit Clooney und Roberts - dann wird Ihnen 'Doppelspiel' auch gefallen. Denn dort bleibt alles in der Familie der genannten Filmschaffenden und diese bleiben ihrem Repertoire aus hübschen Bildern mit funkig-musikalischen Klängen treu. Wenn Sie allerdings 'kein gutes Haar' an Gilroys Regiedebüt MICHAEL CLAYTON (2007) lassen, seien Sie skeptisch. Ihr Filmgeschmack ist bei den 3-Sternen vor Ihnen das Zünglein an der Waage. Am besten Sie entscheiden nun aus eigenen Stücken über einen Filmabend mit DUPLICITY und schreiben womöglich anschließend selbst eine kurze Kritik, damit Ihre Meinung nicht geheim bleibt wie die 'Gemeinsame Geheimsache'. Aber bitte nicht mit einer 3-Sterne-Bewertung.
  • Crank 2
    High Voltage
    Action, 18+ Spielfilm
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 02.10.2009
    Mögen Sie Musikclips? Dann werden Sie den zweiten Auftritt von Chev Chelios und seinen 'Herzrhythmusstörungen' lieben. Vielleicht auch nicht. Was dafür und was dagegen spricht, warum man den Filmtitel HIGH VOLTAGE, Hochspannung, vorab nicht (mit allzu hohen Erwartungen) auf die Filmhandlung beziehen sollte? Im Alltag wird 'Hochspannung' mit einem Warnhinweis gekennzeichnet - der folgt auch hier.

    Wem vertrauen Sie, wenn es um die Meinung zu einem noch nicht gesehenen Film geht? Freunden, Verwandten, Partner, einer Zeitschrift, einem Onlineportal, Schreibern oder Mundpropaganda, uns oder ihrem Gefühl? Wir hatten zuvor im Büro und in den Videotheken einige enthusiastische Stimmen aufgeschnappt und manche vernichtende Reaktion. Die ersten User-Kritiken zu CRANK 2 reichen auf dieser Seite von "Kunstwerk" bis "erbärmlich schlecht". Da stimmen wir zu.

    CRANK war 2006 eine Filmerfahrung, die im wahrsten und positiven Sinne krank war. Mit Jason Statham in der Hauptrolle konnte diese ruppige Action-Überraschung des Drama/Psychologie-graduierten Mark Neveldine und des L.A.-Filmhochschul-Absolventen Brian Taylor pausenlos Adrenalinschübe freisetzen. Wie auf einem Drogentrip steuert der Protagonist durch ein Netz aus Gangrivalität und Prostitution vor der Kulisse des ohnehin hektischen Treibens in Los Angeles. Doch was auf Rauschmittel zutrifft, gilt auch für CRANK: Für Kinder völlig ungeeignet, mit Vorsicht zu genießen und auf den (Bilder-)Rausch folgt die Ernüchterung.

    CRANK 2 - HIGH VOLTAGE (USA 2009) setzt exakt dort ein, wo Teil 1 endet und führt den konsequent krassen Schluss ad absurdum. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, Chev Chelios leider schon. Nach drei Tagen soll die Auferstehung Jesu Christi stattgefunden haben, Chelios feiert seine Film-Wiedergeburt nach drei Jahren. Mit dem neuen Computerspiel-Vorspann heißt es noch nicht 'Game Over' und so ist das gesamte Team von 2006 nun 2009 wieder vereint: Neveldine und Taylor erneut als Drehbuchschreiber im Regiestuhl, Bube Statham, Herzdame Amy Smart und Hausarzt-As Dwight Yoakam vor der Kamera.

    Noch mehr flüchtige Gastauftritte als im Vorgänger werden geboten und man könnte ein Spiel daraus machen, wer mehr prominente Gesichter entdeckt. Porno-Urgestein Ron Jeremy taucht auf, der frühere Teenieschwarm Corey Haim, die Frontmänner von Bands wie 'Linkin Park' und 'Tool', Ex-Spice-Girl Geri Helliwell und David Carradine in einem der letzten Filmauftritte vor seinem plötzlichen Tod im Juni 2009 in Bangkok. Ein medialer Cocktail, der zu Kopf steigt, denn es gibt zwar reichlich zu entdecken, so viele visuelle Einfälle ("Kunstwerk"), gleichzeitig aber auch so wenig Ordnung oder erzählerische Raffinesse ("erbärmlich schlecht"). Vollgas geben ohne Routenplan, frei nach dem Motto der Neuen Deutschen Welle: Ich geb Gas, ich will Spaß.

    Leider kann man die Disziplin des Promi-Ratens auch auf die Vorbilder der MTV-Clipszene ausweiten. Diverse Sequenzen wirken - beabsichtigt oder nicht - wie nachgespielte Musikvideos. Ob das als geschultes Zitieren durchgeht, zügelloses Abkupfern, oder als Spiegel unserer derzeitigen Unterhaltungsindustrie funktionieren soll, das liegt wohl im Auge des Betrachters. Viele subjektive Einstellungen, Nahaufnahmen meist mit Fischaugen-Objektiv, schnelle Schnittfolgen und gedreht auf mobilen HDV-Videokameras. So sieht beispielsweise der Auftritt in einem Striplokal aus wie das Video zu 'Smack my bitch up' von 'The Prodigy', eine Kampfszene erinnert an die schrägsten Godzilla-B-Movies oder eben an 'Intergalactic' von den 'Beasty Boys'.

    Nach diesem ebenfalls etwas sprunghaften Einblick in den zweiten hyperaktiven CRANK-Start auf DVD und Blu-ray noch ein Ausblick: Auf Gerüchte um CRANK 3 angesprochen, wollte Amy Smart in einem Interview nicht widersprechen. Denkbar wäre dieser für 2011, wenn denn die Autoren/Regisseure Neveldine und Taylor ihre Zustimmung gäben, womöglich in einer 3D-Fassung. Bliebe die Frage, ob das in dem ein oder anderen von uns Vorfreude auf eine weitere Runde in der Action-Achterbahn auslöst oder eher zum Entschluss führt, aus dem CRANK-Fahrgeschäft auszusteigen.

    Wo genau nun die CRANK 2 Bilder und Situationen ihren Ursprung nahmen, welche Assoziationen die 92 Minuten der Uncut-Verleihfassung in Ihnen wecken, das könnten Sie an dieser Stelle in einer freien Minute mit einer eigenen Kritik festhalten. Wir jedenfalls wollen festhalten, dass CRANK 2 das bietet, was man erwartet. Ein bisschen mehr sogar. Obwohl man doch sagt, dass 'weniger' manchmal 'mehr' ist. Mehr haben wir nicht zu berichten und die Filmszene beim Pferderennen bringt uns schließlich auf einen alten Stanley-Kubrick-Krimi an der Galopprennbahn, dessen Titel hier als Fazit gelten kann: DIE RECHNUNG GING NICHT AUF (1956). Wir wünschen Ihnen trotzdem gute Unterhaltung und Herzklopfen bei einer Fahrt mit CRANK 2!
  • Der fremde Sohn
    Um ihr Kind zu finden, folgte sie unbeirrt ihrem Weg.
    Drama
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 24.09.2009
    Wir wollen Sie nicht langweilen und wiederholen uns nur ungern, doch leider müssen wir Ihnen schon wieder eine 5-Sterne Clint-Eastwood-Kritik vorsetzen. Zuletzt gab es die vorbehaltlose Empfehlung für Eastwoods GRAN TORINO (gedreht in Michigan im Juli 2008), jetzt folgt der deutsche Verleihstart seiner Regiearbeit DER FREMDE SOHN (gefilmt in Kalifornien von Oktober bis Dezember 2007).

    Einen Tipp und zwei Warnhinweise gibt es vorab: Schriftsteller Umberto Eco sagt man nach, er habe oft eine Hürde für seine Leser eingebaut. Ein paar Dutzend hochintellektuelle Seiten als Einstieg, um manch Ungeduldigen von seinem Werk fernzuhalten. Von DER FREMDE SOHN - oder CHANGELING, wie er im Original heißt - hört man Ähnliches. Der Film würde behäbig anfangen und würde es dem Publikum nicht leicht machen, in das Geschehen hineingezogen zu werden. Stimmt. Lassen Sie sich aber bloß nicht abschrecken! Weder vom Inhalt, der eine zwar tragische aber unspektakulär anmutende Geschichte einer alleinerziehenden Mutter in den 1920er Jahren vorstellt, noch vom Beginn des Films, der in der Tat etwas antiquiert in die Gänge kommt und sich seine Zeit nimmt, Mutter und Sohn in ihrem Umfeld vorzustellen.

    Anders - und hier sind wir bei der ersten Warnung - erging es einer Person aus dem Verwandtschaftskreis, von der man hörte, dass sie noch während der ersten Filmstunde mit sich haderte, aus dem Kinosaal zu fliehen. Sie ist Mutter eines Jungen, der etwa im gleichen Alter ist wie Walter Collins (Jungschauspieler Gattlin Griffith), der im Film plötzlich wie vom Erdboden verschluckt scheint. Für Eltern, denen das aufgezeigte Schicksal an einem vermeintlich gemütlichen Filmabend ebenso nahe gehen könnte, sollte Eastwoods Drama womöglich in die Kategorie 'Horror' eingeordnet werden.

    Die weniger dramatische Warnung betrifft die Laufzeit von 136 Minuten. Das fordert bei Video Buster nicht etwa einen Überlängenzuschlag ein, wie wir es von manchen Kinoketten inzwischen gewohnt sind. Was diese Länge jedoch fordert, ist die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Zuschauers. DER FREMDE SOHN eignet sich nicht für zwischendurch, nicht für nebenbei. 'Action' wird man hier vergeblich suchen, dieses Wort wurde selbst während der Dreharbeiten gestrichen. Das auf DVD und Blu-ray mitgelieferte Making-of zeigt einen schönen Einblick in die Arbeitsweise des Regisseurs Eastwood: Er habe in fünfzig Jahren Filmerfahrung gelernt, produktive Vorschläge, die von außen herangetragen werden, dankend anzunehmen und das Projekt dagegen vor störenden Einflüssen zu schützen. Auch hätte er erkannt, dass ein Schauspieler beim Wort 'Action' vor laufender Kamera die aufgebaute Identifikation mit der Rolle abwirft. Die Darsteller - das bestätigt auch Hauptakteurin Angelina Jolie im Interview - seien auf einen Schlag abgelenkt und würden sich bewusst, dass sie lediglich schauspielern. Das Wahrhaftige ginge verloren.

    Durch den Verzicht auf 'Action' gewinnt nicht nur die Atmosphäre am Set, sondern auch Eastwoods Spielfilmergebnis, denn man kann sich frei von Ablenkungen vollends auf die Geschichte einlassen, auf das Einzelschicksal einer Frau namens Christine Collins. Durch den beschriebenen gemächlichen Einstieg geschieht das ganz unbewusst und eh man sich versieht, vergisst man Raum und Zeit. Filme, die diese Wirkung entfalten, haben nicht weniger als fünf Sterne verdient.

    Der langsame aber stetige Spannungsaufbau ist aber keineswegs langweilig, denn Eastwood hat mit seinen erfolgreichen Produzenten Brian Grazer und Ron Howard (der aus Termingründen die Regie abgab), ein liebevoll gestaltete Milieu in der Stadt Los Angeles ab März 1928 gestaltet. Es fängt schon mit dem 'Universal' Logo an, das in der damaligen Schwarz-Weiß-Gestaltung wiederbelebt wird. Die schwarz-weiße Eröffnungsszene färbt sich kurz darauf ein, während der Zuschauer eintaucht in eine Welt, in der Telefonistinnen noch auf Rollschuhen ihrer Arbeit nachgingen. Obwohl die Dekorationen nachgebaut und Teile der historischen Architektur digital hinzugefügt wurden, ist der Fall der Mutter, die ihren Sohn vermisst und von der Polizei in L.A. einen 'fremden Sohn' zurück erhält, vollkommen authentisch.

    Drehbuchautor J. Michael Straczynski ist es zu verdanken, dass wir von Christine Collins erfahren. Er stieß auf eine alte Gerichtsakte mit erhörmitschriften und verschwand daraufhin selber - allerdings nur in die Archive, für ein Jahr zu den Akten aus der damaligen Zeit. So wie er beim Wälzen dieser Aufzeichnungen nach und nach eine immer packendere Kriminalgeschichte um den verschwundenen Jungen, um einen korrupten Polizeiapparat und tapfere Neinsager freilegte, so bekommen auch wir von Szene zu Szene eine immer faszinierendere Geschichte vorgetragen. Und gegen das Jahr des Schreibers Straczynski in journalistischer Abgeschiedenheit, wirken die 136 Minuten mit Angelina Jolie und einer beeindruckenden Darstellerriege von John Malkovich über Colm Feore, Jeffrey Donovan bis Michael Kelly im Vergleich wie eine kurze Erzählung am Lagerfeuer, begleitet von Clint Eastwoods komponiertem Soundtrack. Eine Geschichte, der man gerne lauscht und die vor dem Schlafengehen gleichermaßen fesselt wie nachhaltig fasziniert. Ein Dank für diese Entdeckung an Herrn Straczynski, an das Filmteam und an Herr Eastwood, der im Alter ohne 'Action' auskommt, der sich nie wiederholt und erst recht nicht langweilt.
  • Der Fluch der 2 Schwestern
    Die Angst zieht ein.
    Horror, Thriller
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 16.09.2009
    "Alles ist so... merkwürdig. Diese Frau ist merkwürdig. So wie das ganze Haus! Hast du Angst?" Zum Einschlafen spricht Soo-mi mit ihrer Schwester Soo-yeon über deren Stiefmutter, über die abweisende Unterkunft, in der merkwürdige Dinge vor sich zu gehen scheinen.

    A TALE OF TWO SISTERS (Südkorea 2003) wird hier erzählt, die Geschichte zweier Schwestern. Und bevor wir Ihnen noch ein Sterbenswörtchen über die Handlung verraten, über das stetig ansteigende Unbehagen berichten, das im Betrachter aufsteigt, fragen wir Sie, ob Sie sich gerne gruseln? Wenn Sie das Bejahen können und darüber hinaus dem etwas ungewohnten asiatischen Erzählrhythmus aufgeschlossen sind, ist dieser moderne Psychothriller eine klare Empfehlung.

    Fernab von seinem etwas plakativen DVD-Cover kommt dieser Film schleichend auf Sie zu. So langsam, dass ein Video Buster Mitglied empört schrieb: "Ganze 10 Minuten hab ich mir angeguckt. Alles so lahm. Jede Blume und jede Handlung wird in Schneckentempo wiedergegeben. Furchtbar!" Etwas mehr Zeit sollten Sie sich schon nehmen und hartgesotten sollten Sie auch sein. Denn keineswegs brutale Bilder entfalten sich in den fast zwei Stunden Laufzeit, keine schrill-provokanten Horrorszenarien. Dafür aber einige wirklich unangenehme stille Kamerafahren über den leeren Flur oder auf einen Schrank zu, auf eine sich knarrend öffnende Schlafzimmertür. Bekannte Klischees aus Gespenstergeschichten, die aber so perfide inszeniert sind, dass nicht einmal das eingeschaltete Licht im Fernsehzimmer für Entspannung sorgt.

    "Möchten Sie mal etwas wirklich Unheimliches sehen?", fragt Dan Aykroyd als Tramper seinen Begleiter in der Einleitungsepisode des 'Twilight Zone' Spielfilms UNHEIMLICHE SCHATTENLICHTER (1983). Möchten Sie? Dann könnte Ihnen DAS WAISENHAUS (2007) von Juan Antonio Bayona gefallen. Zusammen mit vielen anderen Kritiken-Schreibern haben wir dort die volle Bewertungspunktzahl vergeben. An diesem Filmabend muss es gewesen sein, als uns zuletzt Schauer über den Rücken liefen. Auch A TALE OF TWO SISTERS hält Szenen bereit, in denen man auf einen Schlag Gänsehaut am ganzen Körper bekommt. Zumindest wenn man sich auf das Schicksal der zwei Schwestern und auf die gewöhnungsbedürftige Erzählweise des Koreaners Kim Ji-woon einlässt.

    Sie gruseln sich gerne, möchten jedoch lieber mit vertrauteren Hollywood-Bildern unterhalten werden? Mit DER FLUCH DER 2 SCHWESTERN steht Ihnen auch diese Möglichkeit ab jetzt offen. Die 'Guard Brothers' führen Regie beim 2009'er Remake. Oha! Nach den Wachowski-Brüdern und ihrer MATRIX-Trilogie (1999-2003), nach den Hughes-Brothers (FROM HELL 2001) und den Coens (BURN AFTER READING 2008), schickt sich ein weiteres Geschwisterpaar an, gemeinsam auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Um die Geschichte der zwei Filmschwestern, die nun Anna und Alex heißen, neu zu erzählen.

    Da uns die Gebrüder Guard bisher nicht geläufig waren und Ihnen vielleicht auch nicht, haben wir recherchiert: Der eine, David Guard, war einst Kamera-Lehrling bei COLUMBUS 1492 - DIE EROBERUNG DES PARADIESES (1992), der andere, Charles Guard, verdingte sich als Kamera-Azubi bei JUDGE DREDD (1995). Von der Pike auf, möchte man meinen. Doch das 'Ei des Kolumbus' präsentieren sie mit der amerikanischen Neuinterpretation des koreanischen Vorläufers nicht. Offensichtlich muss nicht jeder Familienbund gewinnträchtige Einspielergebnisse hervorbringen, denn lediglich 28 Mio. US-Dollar spielte ihr Film in der Heimat ein.

    Dabei hatte doch das erfolgsverwöhnte Dreamworks/Paramount-Studio ihr Werk herausgebracht. Ob die Verantwortlichen inzwischen schon vom 'Fluch der 2 Brüder' sprechen? Warten wir ab, wie sich der Verleih der DVD und Blu-ray Veröffentlichung international entwickelt und was Sie als Video Buster Mitglieder per Sterne-Bewertung oder sogar mit einer selbst verfassten Kritik davon halten. THE UNINVITED heißt die Veröffentlichung im Original, das Ungebetene. Ein Klon aus A TALE OF TWO SISTERS und THE GRUDGE - DER FLUCH (2004) wird demzufolge konsequent zu deutsch DER FLUCH DER 2 SCHWESTERN benannt.

    Etwas mitgenommen von der asiatischen Filmvorlage bleibt uns leider keine objektive Meinung mehr. Allzu sehr flacht die US-Verfilmung im Vergleich ab. Auch wenn sie einige schöne einprägsame Einstellungen (z.B. am Bootssteg) übernehmen und der Grundgeschichte sogar zahlreiche eigene Ideen, Wendungen, sogar Charaktere und Symbole (ein Glöckchen) hinzufügt. Das ist zwar kreativ und aller Ehren wert und die Besetzung vor der Kamera - die junge und trotzdem bereits Horrorthriller-erprobte Emily Browning, die aufsteigende Elizabeth Banks und dem Altmeister David Strathairn - bemüht sich sichtlich. Das Gesamtpaket wirkt durch die Glättung der 'Brothers Guard' jedoch so konstruiert, dass sie die komplette Geschichte ausbreitet wie die Eingangssequenz, in der die Hauptdarstellerin im Off-Ton erzählt, was der Zuschauer doch gerade mit eigenen Augen sieht. Dann doch eher der unvorhersehbare Grusel der ursprünglichen zwei Schwestern im (Zitat) "Schneckentempo", der kriechend einen bleibenden Eindruck hinterlässt. In der neuen Version hat sich - zumindest für uns - der umgekehrte Effekt eingestellt: Nicht einmal das ausgeschaltete Licht im Fernsehzimmer konnte hier für Spannung sorgen.
  • Frost/Nixon
    Drama
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 09.09.2009
    Ist es ein Fernsehinterview? Ist es ein Theaterstück? Nein, es ist eine Hollywood-Großproduktion! Das ursprüngliche Wortduell zwischen dem TV-Moderator David Frost und dem ehemaligen (37.) US-Präsidenten Richard Nixon hat sich in den zurückliegenden Jahren gewandelt. Ob diese Transformation sein Gutes hat? Ein wenig Skepsis ist wohl wie generell beim Blick auf das nationale und internationale Politgeschehen angebracht. Muss man etwas - das im Original ohnehin in Bild und Ton festgehalten wurde - neu inszenieren, um es besser verständlich oder konsumierbar zu machen?

    Kurz gesagt ist FROST/NIXON (USA/GB/Frankreich 2008) ein zweistündiger Spielfilm über ein TV-Gespräch, das im März 1977 über den Zeitraum von zwölf Tagen aufgezeichnet wurde. Wenn Sie diese Zeilen lesen, könnten Sie vorab einen ähnlichen Gedanken haben, wie die Kollegin, die dem Schreiber dieser Kritik gegenüber sitzt: "Das klingt ja nicht sehr spannend." Die volle 5-Sterne-Punktzahl vergibt hingegen ein Video Buster Mitglieder in der Kritik, mit der Einschränkung: "Man muss aber auch Interesse am Thema und ein bisschen Hintergrundwissen mitbringen sonst kann man teilweise nicht folgen (...)".

    Hintergrundwissen hat im Leben noch nie geschadet. Zum Thema Richard Nixon (1913-1994), über sein Leben, seine Amtszeit, den Angriff auf Kambodscha und Laos sowie über den Watergate-Skandal kann man sich sogar filmisch sehr einfach und unterhaltsam weiterbilden, naheliegend mit Oliver Stones NIXON (USA 1995). Der Untertitel dieses fast doppelt so langen Mammutportraits: 'Der Untergang eines Präsidenten'. Die Hoffnung auf ein Happy-End wird nicht zu erfüllen sein, auch nicht im Frost/Nixon-Gefecht. Wenn man allerdings bedenkt, dass beide Filme der Kategorie 'Biopic' (der biografische Film) angehören, können Sie eine Dramaturgie erwarten, die vielen fiktiven Werken in Nichts nachstehen.

    Frost gegen Nixon, das Fernsehinterview, war seinerzeit eine Mediensensation, heute ist es in Vergessenheit geraten. Der britische Journalist David Frost (geboren 1939, dargestellt von Michael Sheen) ist in die Fernsehgeschichte eingegangen, ins vorherrschende Gedächtnis der (deutschen) Bevölkerung hat er wohl eher nicht Einzug erhalten. So hat die Verfilmung von Regisseur Ron Howard - siehe THE DA VINCI CODE 2006 oder seinen Oscar(c) Gewinn für A BEAUTIFUL MIND 2001 - zusammen mit Produzent Brian Grazer durchaus seine Berechtigung. Grazer bewies kürzlich schon mit Clint Eastwoods DER FREMDE SOHN (2008), dass sich eine authentische Geschichten gut in eine dramatische Inszenierung verpacken lässt, wenn man talentierte Filmschaffenden engagiert. Auch dort können Sie eine unspektakuläre Inhaltsangabe lesen, hinter der sich allerdings ein beachtliches Filmerlebnis verbirgt.

    In Deutschland haben in jüngerer Vergangenheit schon völlig harmlose TV-Kanzlersprüche für Furore gesorgt. Nixon hat sich im verbalen Schlagabtausch mit Moderator Frost zu einer weitaus spektakuläreren Äußerung hinreißen lassen als etwa "Hol' mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik ich hier." Zumindest eins haben die zwei Staatsmänner gemeinsam: Sie werden gerne zu Comedy-Zwecken herbeizitiert. Nixons Spitzname 'Dick' liefert im englischen einiges Humorpotential, auch taucht sein Kopf hin und wieder in den Animationsfolgen der TV-Serie FUTURAMA (1999) von 'Simpsons'-Erfinder Matt Groening auf. An die 'Simpsons' wird sich der ein oder andere auch erinnern, wenn man den vollständigen Namen Richard Milhous Nixon hört. Die Karikatur Nixons als Gummimaske war beim Banküberfall in GEFÄHRLICHE BRANDUNG (1991) dabei, Christina Ricci trug eine solche bei den Verführungsversuchen eines Nachbarsjungen in Ang Lees DER EISTTURM (1997), und schließlich tauchte der Bowling-spielende Nixon als Postermotiv in THE BIG LEBOWSKI (1998) auf. Nixon als Popkultur-Ikone, die man sich im Internet bestellen kann.

    Dass sich seine Biografie auch ohne all diese mehr oder weniger humoristischen Fundstücke durchaus spannend in einem Spielfilm erzählen lässt, das beweist FROST/NIXON. Möglicherweise werden Sie wie wir nach einer langen Oliver-Stone/Ron-Howard-Filmnacht nicht überwältigt sein. Aber interessant, lehrreich, gekonnt in Szene gesetzt ist der nun auf DVD und Blu-ray im Verleih erhältliche Film - der einst ein Fernsehinterview und kürzlich noch ein Theaterstück von Drehbuchautor Peter Morgan war - allemal. Auch dank den Auftritten von Nebendarstellern wie Oliver Platt und Kevin Bacon, dem beeindruckend-akribischen Ausstattungsdesign von Michael Corenblith, den Bildern von Kameramann Salvatore Totino und der Musik von Hans Zimmer.

    Lassen Sie sich also nicht abhalten von einer FROST/NIXON Begegnung, weder von den eigenen Vorurteilen, noch von unseren Worten. Im Anschluss können Sie einen Vergleich mit den originalen TV-Aufnahmen im Bonusmaterial erleben und einen Making-Of-Bericht mit dem Nixon-Darsteller Frank Langella, der sich an den Drehtagen durchgehend mit "Mr. President" anreden ließ und vollkommen in seiner Rolle aufging. Das zahlt sich aus. Nixon mag der einzige Präsident der Vereinigten Staaten sein, der jemals von seinem Amt zurückgetreten ist, Sie sollten hingegen nicht vom Vorhaben eines Filmabends zurücktreten, der einem sogar noch mehr beschert als bloß "ein bisschen Hintergrundwissen".
  • Zufällig verheiratet
    Sie fällt aus allen Wolken als sie erfährt, dass sie schon verheiratet ist...
    Komödie, Lovestory
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 28.08.2009
    Zufällig erlebt: Eine Kundin betritt die Video Buster Filiale und schaut sich die Auslage in den Regalen an. Sie berichtet davon, wie genervt ihr Freund immer dann sei, wenn Sie mit sogenannten 'Frauenfilmen' zu Hause auftaucht. Kein großer Streitpunkt in der Beziehung, eher ein Problem beim gemeinsamen Fernsehabend: Während sie sich bei BRIDE WARS (2009) köstlich amüsiert, ist ihr Lebensgefährte auf dem Sofa nebendran bereits nach 15 Minuten im Reich der Träume. Ob die Neuerscheinung ZUFÄLLIG VERHEIRATET (USA/Großbritannien 2008) Abhilfe schaffen kann und die wachrüttelnden Seitenhiebe der Frau womöglich überflüssig macht?

    Um das Auf und Ab in Beziehungen geht es in den insgesamt 86 Minuten - nicht um das innerhalb des Schafzimmers, sondern um die kleinen Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern, mit denen sich schon unzählige romantische Komödien zuvor beschäftigt haben. Als Produzentin und Hauptdarstellerin tritt Uma Thurman im wahren Leben auf, im New Yorker Filmgeschehen spielt sie eine erfolgreiche Radiomoderatorin und Schriftstellerin. Mit einer Mischung aus SEX AND THE CITY Schriftstellerin/Sexkolumnistin Candace Bushnell und WDR-Kummerkasten-Talker Domian verkündet sie in ihrer Rolle der Dr. Emma Lloyd gleich zu Beginn während der Radiosendung: 43 Prozent der Ehen werden geschieden. Ob es dennoch Hoffnung gibt?

    Für ZUFÄLLIG VERHEIRATET auf jeden Fall, denn wie in fast allen 'Romantic Comedies' geht es vor allem um das Zusammenspiel, um die vielzitierte Chemie der Hauptakteure. Einer erfrischend selbstironischen Uma Thurman zur Seite steht der charmante Brite Colin Firth, der liebgewonnene Mark Darcy aus den BRIDGET JONES Verfilmungen (2001/2004). Turbulent wird es, als Jeffrey Dean Morgan auf der Bildfläche erscheint, der Schauspieler aus Seattle, der als Herzpatient Denny Duquette in der TV-Serie GREY'S ANATOMY (2006-09) so manchem Zuschauer ans Herz gewachsen ist. Ein Punkt für Uma, einer für Colin, noch einer für Jeffrey - drei Punkte für eine glücklicherweise nicht allzu romantisch-süße, leider aber selten überraschende und dennoch durchgehend charmante kleine Lovestory.

    Und bevor wir uns hier selbst wie Radiomoderatoren fühlen, die Ihnen erklären wollen, wer denn 'der Richtige' (Film) für Sie ist - obwohl wir Sie und Ihre Vorlieben doch gar nicht persönlich kennen - sehen Sie sich ZUFÄLLIG VERHEIRATET von Regisseur Griffin Dunne (der ehemalige Schauspielpartner von Madonna in WHO'S THAT GIRL, 1987) doch einfach einmal an. Manche Erfahrungen muss man eben im Leben selbst machen, auch wenn wir es allwöchentlich zusammen mit all den Video Buster Mitgliedern in den Kritiken nicht versäumen wollen, Ihnen zumindest einige Ratschläge mitzugeben, worauf man bei der 'Partnerwahl' für einen gelungenen Filmabend Wert legen kann.

    Ein Filmbild zum Abschluss: Der frisch gravierter Ehering trägt innen die gewünschten Worte "I do I do I do", "Ich will ich will ich will". Die noch am Hochzeitsentschluss zweifelnde Emma liest darin ein "Will ich will ich will ich"? Besser kann auch ZUFÄLLIG VERHEIRATET nicht beschrieben werden: Es kommt darauf an, wie man ihn 'liest', welche innere Einstellung man mitbringt. Dazu gehen Sie mit einem 'Ja' zu diesem Film keinen Bund fürs Leben ein. Das ist der Vorteil beim Entleihen: Man kann 'ihn' wieder zurückgegen. Mögen Sie allerdings keine Liebeskomödien, könnten Sie nach 15 Minuten einnicken und könnten von der Partnerin unsanft geweckt werden. Wie in einer erfolgreichen Beziehung gilt letztlich: Wer mit den kleinen Fehlern des (filmischen) Gegenüber leben kann, wird eine schöne gemeinsame Zeit verbringen.
  • 96 Hours
    Sie nahmen ihm seine Tochter. Er wird sie jagen. Er wird sie finden. Und er wird sie töten.
    Action, Krimi
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 20.08.2009
    "Ich weiß nicht, wer Sie sind. Ich weiß nicht, was Sie wollen. Falls Sie auf Lösegeld aus sind, kann ich Ihnen versichern, ich habe kein Geld. Aber was ich habe, sind einige ganz besondere Fähigkeiten. Fähigkeiten, die ich mir im Laufe vieler Jahre angeeignet habe. Fähigkeiten, die mich zum Albtraum machen für Leute wie Sie. Wenn Sie meine Tochter jetzt gehen lassen, ist die Sache erledigt. Ich werde nicht nach Ihnen suchen, ich werde nicht Jagd auf Sie machen. Aber wenn nicht, werde ich nach Ihnen suchen. Ich werde Sie finden - und ich werde Sie töten."

    Im Leben hat man immer eine Wahl. Liam Neeson stellt in der Rolle des besorgten Vaters Bryan Mills am Telefon einen der Entführer vor die Wahl. Der Verbrecher entscheidet sich... für die falsche. Sie hingegen können eine richtige treffen: mit dem Griff zu 96 HOURS (Frankreich 2008). Der Regisseur, Pierre Morel, stand vor diesem geradlinigen Selbstjustiz-Thriller 1. für den Produzenten und Autor, Luc Besson, einige Male hinter der Kamera und 2. saß er selbst schon mal im Regiestuhl. Mit GHETTOGANZ - DIE HÖLLE VON PARIS trat er 2004 eine Action-Kettenreaktion los, die einen beim Anschauen der Einleitungsszene schon nicht mehr loslässt, auch wenn die Handlung noch so absurd gerät. Völlig überdreht, aber gut gedreht. Die Vorstadt-Kletterer, die 'Parkour' zu einer echten Sportart werden ließen, zeigen hier all ihr Können und Morel setzt sie gekonnt in Szene.

    Zurück zu Liam Neeson und seiner Version der 'Hölle von Paris': Der droht dem Kidnapper per Mobiltelefon, zu dessen schlimmstem Albtraum zu werden. Filmerinnerungen werden wach, an die 80er Jahre, als Stallone in RAMBO III (1988) einem russischen Offizier auf die Frage "Wer sind Sie?" per Funk entgegen knurrt: "Ihr schlimmster Albtraum". Die 80er-Filmjahre scheinen tatsächlich wieder aufzuleben in 96 HOURS, dessen französischer Originaltitel ohnehin schon englisch war und mit dem Begriff TAKEN (in etwa 'weggenommen' oder 'fortgeschafft') das Schicksal der geliebten Tochter und das 'rote Tuch' unseres Helden in einem Wort noch trockener auf den Punkt bringt.

    Liam sieht rot wie einst Charles Bronson (EIN MANN SIEHT ROT 1974) oder Clint Eastwoods (DIRTY HARRY 1971), noch ein Filmjahrzehnt zurück. Der Zuschauer hingegen sieht sich kaum satt an all den mal kleinen Kampf-Choreografien, mal großangelegten Autoverfolgungsjagden in einem Außenbezirk und sogar im Zentrum von Paris. Am erstaunlichsten: Im Bonusmaterial 'Le Making-Of' gibt Pierre Morel kleinlaut zu, dass ein Auto während eines Straßenstunts demoliert wurde - aber keine Sorge, es ist nicht im Film zu sehen. Unglaublich: ein junger wilder Regisseur verzichtet zur Steigerung des Realitätsgehalts hier und da auf ein Autowrack! Wer hätte gedacht, dass die Einsicht einmal kommt, dass uns Zuschauer nicht der Umfang der Zerstörung mitfiebern lässt, sondern glaubhaft-motivierte Figuren und gekonnte Schnittfolgen. Schnelligkeit, darauf kommt es Morel allerdings an und so vergeht denn auch das DVD- oder Blu-ray-gewordene Endergebnis mit seinen anderthalb Stunden rasend schnell.

    Dazu hat die 'Freiwillige Selbstkontrolle' im Gegensatz zur physischen Gewalt eines Bronson, Eastwood oder Stallone offensichtlich Gnade mit dem auf Rache sinnenden Vater und gibt den viertägigen Feldzug gegen die Menschenhändler als 'FSK ab 16' frei. Obwohl dieser doch genauso gnadenlos ausfällt, wie im internationalen 'Harder Cut', der in England ab 18 eingestuft wurde. Ob das Diskussionen unter den Filmfans entfacht, wie einst die FSK-16-Freigabe von WRONG TURN (2003)? Wir jedenfalls wollen nicht weiter über 96 HOURS aka TAKEN diskutieren. Über einen Bewertungsstern Abzug hatten wir kurz nachgedacht, wegen einiger Schönheitsfehler, wie der doch sehr unverblümt-glorifizierenden Rachegeschichte, der einseitigen Gut-gegen-Böse-Darsteller, der durch die zeitliche Straffung teils unglaubwürdige Handlungsverlauf, oder der 'Green-Screen'-computergenerierten Hintergründe z.B. bei Autofahrten, die alles nicht ganz so grimmig wirken lassen wie die 70er/80er Vorbilder. Da war die Suche nach der entführten Ehefrau des Harrison-Ford-Charakters in Roman Polanskis FRANTIC (1987) noch etwas überraschender, der Amerikaner in der französischen Hauptstadt (ohne Dolmetscher, Wörterbuch, oder "ganz besonderen Fähigkeiten") noch ausgelieferter. Aber im Leben hat man ja immer eine Wahl und was ist schon perfekt?

    Unsere Wahl: Auch wenn wir Ihre Erwartungen - falls Sie 96 HOURS noch nicht auf die Wunschliste gesetzt haben - womöglich etwas zu hoch hängen, kommt das gesamte Video Buster Team nach einer demokratischen Spontanumfrage auf eine überzeugte volle Punktzahl. Unser Grafiker sagt: "Der bessere Bond. Fünf Sterne." Unsere Vertriebsassistentin meint: "Fünf Sterne gibt's auch von mir. Super spannend und die Zeit im Kino verging wie im Flug." Ein Kollege aus dem Versand: "Ein-Mann-Armee räumt Frankreich auf. Auf jeden Fall fünf Sterne." Unsere Lagerverwaltung: "In diesem Jahr auf jeden Fall einer der besten Filme. Fünf Sterne? Wenn nicht der - wer dann?" Unser Team wünscht Ihnen gute Unterhaltung mit Liam 'Ich mach euch fertig' Neeson und damit diese Kritik nicht in '96 Zeilen' umbenannt wird sind auch wir... fertig.
  • Juno
    Drama, Komödie
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 17.08.2009
    Die selbstbewusste und offenherzige Juno (Ellen Page) wird mit 16 Jahren ungewollt schwanger. Wer jetzt ein Drama oder eine kitschige Komödie erwartet, liegt sicherlich falsch. Nicht immer realistisch, jedoch mit einem gewissen Charme und witzigen Dialogen hebt sich JUNO von den typischen Teeniekomödien ab. In der Hautrolle überzeugt die zierliche Ellen Page, die schon in HARD CANDY als vermeintliche Unschuld glänzen konnte. Die relativ unsentimentale Darstellung der Situation und das böse Mundwerk von Juno entlocken dem Zuschauer immer wieder ein kleines Lächeln.

    Die Besetzung der Nebenrollen ist ohne Zweifel sehr gelungen. Neben der großartigen Ellen Page glänzen J.K. Simmons als Vater und Michael Cera als schüchterner Freund und Vater ihres Babys. Den Oscar für das beste Drehbuch gewann JUNO zu recht. Die Dialoge geben dem Film das gewisse Etwas. Ohne sie wäre JUNO nicht das was es ist, da die rein visuellen Aktivitäten auf ein Minimum begrenzt wurden.

    Fazit: Wer seine Lachmuskeln strapazieren möchte, wird mit Sicherheit enttäuscht sein. Zu empfehlen ist dieser Film allen, die auf charmant, freche und spritzige Dialoge stehen.
  • Harry Potter und der Orden des Phönix
    Die Rebellion beginnt.
    Fantasy, Kids
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 13.08.2009
    Harry Potter darf auf gar keinen Fall in die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei zurückkehren! Wie gut, dass diese Warnung von Hauself Dobby keine Wirkung zeigte. Gut für uns Zuschauer, beschwerlich für Harry Potter. Was musste er nach dem ersten Zusammentreffen mit Dobby in DIE KAMMER DES SCHRECKENS alles durchmachen! Wir werfen mit Ihnen einen Blick ins Denkarium und lassen (Film-)Erlebnisse und Erinnerungen zurückkehren.

    Haben Sie einen persönlichen besonderen Potter-Moment? 'Wo waren Sie...' wird oft im Zusammenhang mit historischen Ereignissen gefragt. Wo wir waren, als wir das erste Mal den Namen Harry Potter gehört haben, daran können wir uns nicht erinnern. So beeindruckend wie ein erster Kuss war das Zusammentreffen nicht, zugegeben. An den ersten Kuss von Harry Potter allerdings können wir uns erinnern, als wäre es gestern geschehen. Es war genau hier, im Film HARRY POTTER UND DER ORDEN DES PHÖNIX (GB/USA 2007), als sich die Münder von Harry und Cho Chang trafen. Die Darsteller Daniel Radcliffe und Katie Leung wurden daraufhin sogar bei den MTV-Movie-Awards 2008 für den besten Filmkuss nominiert - so groß war der Jubel beim Publikum.

    Der Brite David Yates, der sich zuvor mit TV-Produktionen und Serien hervorgetan hatte, inszenierte die Verfilmung des fünften Bands. Von Februar bis Dezember 2006 liefen seine Dreharbeiten. Wir waren enorm gespannt, was er nach den Filmen des amerikanischen Kollegen Chris Columbus (DER STEIN DER WEISEN 2001 und DIE KAMMER DES SCHRECKENS 2002), des Mexikaners Alfonso Cuarón (DER GEFANGENE VON ASKABAN 2004) und im Anschluss an Mike Newells DER FEUERKELCH (2005) in die Bilderwelten des Potter-Universums einbringen kann. Der erste Moment: Harry auf einem Spielplatz bei sonnigem Wetter, dann die erste Konfrontation, die Verdunklung des Himmels - das ließ beim ORDEN DES PHÖNIX auf so manch erinnerungswürdige Szene hoffen.

    Der erste Moment, an dem Autorin J.K. Rowling über Harry Potter nachdachte, soll an einem Bahnsteig stattgefunden haben. Das lasen wir vor langer Zeit in einem Bericht. Ob es am Bahnsteig 9 3/4 war? Während einer Zugverspätung soll sie über das Leben des Zauberschülers nachgedacht und die ersten Zeilen auf der Fahrt nach London niedergeschrieben haben, bis sie am Potter-Bahnhof 'King's Cross' eintraf. Ob das zur Legendenbildung gehört, wie die Information, dass Hauptdarsteller Daniel Radcliffe den ersten Band gar nicht zu Ende lesen wollte? Oder die Meldung des 'Spiegel': Schauspieler Michael Gambon (Hogwarts Direktor Dumbledore) hat kein einziges Buch von Joanne K. Rowling gelesen! Dramatisch? Zumindest sollte eine jede der inzwischen sechs Verfilmungen - losgelöst von seinen berühmten Buchvorlagen - auch als Spielfilm ganz für sich funktionieren.

    Daniel Radcliffe soll trotz seiner anfänglichen Lese-Unwilligkeit später einmal erwähnt haben, dass der dritte Roman ihm am besten gefallen habe. Jedenfalls hat uns auch der dritte Film, DER GEFANGENE VON ASKABAN, überzeugt. Er bot die stimmungsvollen Bilder des ersten Teils in Verbindung mit solch abgründigen Szenen, die Teil zwei so düster werden ließen und dort für Kürzungen in der deutschen DVD-Veröffentlichung sorgten. Die Zeitsprung-Idee beispielsweise, die filmdramaturgische Umsetzung solcher Momente, alles in perfekter Balance. Auch wenn sich bei den Video Buster Mitarbeitern, die flammende Anhänger der Bücher sind, der Frust über Eingriffe in die Literaturvorlage breit machte. Kürzungen ja - Abweichungen nein! Der vierte Streich, DER FEUERKELCH, erhielt anschließend auf jeden Fall genügend packende und unterhaltsame Abschnitte durch die Höhepunkte des 'Trimagischen Turniers'. Die Stimmung dort kippte allerdings schon merklich und man konnte sich mit der Auferstehung Voldemorts auf den Beginn eines neuen Abschnitts in Harrys Leben und in der Filmreihe einstellen.

    'Vor uns liegen dunkle, schwere Zeiten, Harry. Schon bald müssen wir uns entscheiden zwischen dem richtigen Weg... und dem Leichten.' So klingen noch Dumbledores mahnende Worte in unseren Ohren, als der fünfte Film DER ORDEN DES PHÖNIX mit dem Angriff zweier Dementoren eine bedrohliche Szenerie heraufbeschwört. Vorbei die Zeiten der 'FSK ab 6' Freigaben, vorbei die Teenie-Zeit des Harry Potter. Hier erwartet uns der Ernst des Lebens und ebenso ernst geht es nun zur Sache, wenn es - wie ein Pressetext ankündigte - ' zum fürchterlichen Showdown zwischen Gut und Böse' kommt.

    Dass dieser Kampf nicht ohne Verluste ausgehen wird, dass uns mit dem sechsten Film der Reihe, HARRY POTTER UND DER HALBBLUTPRINZ (2009) ein keineswegs fröhlicher Fortgang der Geschichte bevorsteht, ist sicher. Das hat optimistisch gesehen auch sein Gutes: Im Independent-Schwarz-Weiß-Film CLERKS - DIE LADENHÜTER von 1994 sah Videothekar Randal die Star-Wars-Episode DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK (1980) als den besten Teil der Filmreihe. Warum? Er endet so deprimierend. Das wäre so wahrhaftig wie das echte Leben, eine Aneinanderreihung von Tiefpunkten. ('It ends on such a down note. I mean, that's what life is, a series of down endings.') Harry, Ron und Hermine wird es jedenfalls nicht davon abhalten, den nächsten Herausforderungen mutig zu begegnen. Und uns werden die Schwachstellen des fünften Teils nicht abhalten, auch auf die noch drei ausstehenden Spielfilme gespannt zu warten -> Jahr 6 im Juli 2009, Jahr 7 in zwei Filmen im November 2010 sowie Juli 2011.

    Harry beendet den ORDEN DES PHÖNIX mit den Worten: 'Auch wenn ein Kampf vor uns liegt, haben wir Eines, was Voldemort nicht hat: Etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt.' ('We've got one thing, that Voldemort doesn't have: Something worth fighting for.') An dieser Stelle versprachen wir, einen Tag nach dem Kinostart von HARRY POTTER UND DER HALBBLUTPRINZ sofort einige Meinungen aus den Reihen der Video Buster Mitarbeiter auf dieser Seite zu veröffentlichen. So sei es! Da hört man bei uns am 17. Juli 2009: 'Das ist für Fans eine bittere Enttäuschung. Manche Umsetzungen gehen gar nicht.' Entscheidende Passagen des sechsten Buches wären einfach unter den Tisch gefallen, obwohl sie doch so wichtig für die Entwicklung in Richtung des finalen Buches sind. Wo sind Fleur und Bill? Was wird aus der Hochzeit? Wo ist der Zauberminister? Warum bekommt Neville Longbottom nur einen Satz? Fragen über Fragen, die hier den Rahmen sprengen würden. Allerdings gibt es auch Positives, denn auf mehr Zwischenmenschliches werde wert gelegt, Horace Slughorn sei mit Jim Broadbent perfekt besetzt und Draco Malfoys Darsteller Tom Felton sei in seiner Zerrissenheit ganz ausgezeichnet. Eine fantastische Ausstattung bringt noch einmal eine Steigerung der Filmreihe, während J.K. Rowlings Vorlage ein wenig in den Hintergrund treten muss. Gut für den Film? Urteilen Sie selbst. Expecto Patronum!
  • The Wrestler
    Ruhm. Liebe. Schmerz.
    Drama
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 13.08.2009
    "Nach etwa sechs Tagen spürte ich wirklich, dass dieser Film etwas Besonderes wird. Das ist die beste Arbeit, die ich je gemacht habe. Und es ist einer der besten Regisseure, mit denen ich je gearbeitet habe. Als der Film im Kasten war, war ich unglaublich stolz darauf." Das resümiert Mickey Rourke im DVD-Interview über seine Rolle des Wrestlers 'The Ram' in Darren Aronofskys Film, der bei den 65. Filmfestspielen in Venedig mit dem 'Goldenen Löwen' ausgezeichnet wurde. Weder der Aussage des Comeback-Hauptdarstellers noch den zahlreichen Filmpreisen, die THE WRESTLER (USA/Frankreich 2008) seit seiner Venedig-Premiere im September 2008 eingeheimst hat, ist von unserer Seite etwas hinzuzufügen. Somit endet unsere Kritik an dieser Stelle mit einem gedachten Applaus in Richtung des Filmteams.

    ...Falls Sie noch einen Moment für einige weitere Zeilen haben, berichten wir Ihnen etwas subjektiver von unserem Filmabend mit dem 'Wrestler'. Wenig von der Handlung wollen wir wieder einmal verraten, denn schon im Vorfeld des Verleihstarts gab es unter den Video Buster Mitgliedern einen schriftlichen Schlagabtausch, wie viel man vorab überhaupt von den Lebensumständen rund um Randy 'The Ram' Robinson preisgeben dürfte. Von den Berichten um diesen filmischen Sensationserfolg ausgehend, stellt sich die Frage, ob man mit einem Einblick in die biografische Entwicklung des Schauspielers Rourke nicht ohnehin schon mit dem Schicksal des Showkämpfers vertraut ist.

    Der Regisseur Darren Aronofsky, der uns zuvor mit seinem unkonventionellen, schwarz-weißen Mathematik-Verschwörungsthriller PI (1998) und dem visuell virtuosen Junkie-Drama REQUIEM FOR A DREAM (2000) beglückt hatte, bremste das Wachstum seiner Fangemeinde 2006 mit dem verstiegenen THE FOUNTAIN ein wenig aus. Jetzt besteigt Darren wieder den Filmzirkus-Ring, zeigt sich in Topform und kann auf Showeinlagen oder augenwischerische Posen gänzlich verzichten. Sein neuer Film wirkt so schlicht-wunderbar und innovativ erzählt, wie es sich sein Publikum erhofft. Jegliches Klischee, dem man begegnet, sei aus dem realen Bezug zum Beruf und Alltag der Wrestler und Stripper entstanden, berichtet der Produzent glaubhaft. Nicht zuletzt hat Rourke viele Erfahrungen aus der eigenen Boxkarriere in sein Handeln und autobiografischen Trennungsschmerz in seine Dialoge einfließen lassen.

    Über die Wirkung dieses einfachen, einfach berührenden Films lässt sich kaum streiten lässt. Eher lässt sich darüber grübeln, wem der Applaus gebührt: Dem Casting, das Rourke vom Boden aufhob und auf die Leinwand stellte, das Marisa Tomei einen weiteren genialen Auftritt beschert hat. Den Schauspielern selbst, die alles geben und alles zeigen. Dem zurückhaltenden Filmscore-Komponisten Clint Mansell mit den Gitarrenparts von Slash und dem 80er-Rocksong-Revival. Der französischen Kamerafrau Maryse Alberti, die mit permanenter Handkamera eine einfache Szene im heruntergekommenen Wohnwagen oder an einem trostlosen Bartresen in intensive Momente verwandelt. Dem Regisseur, der mit seinem Willen zur Umsetzung und seinem Gespür fürs Geschichtenerzählen ein erfolgreiches Ziel verfolgte. Die Beteiligten sprachen davon, wie doch das Dasein eines Wrestlers dem einer Nachtclub-Tänzerin ähnelt, wenn sie sich einen Künstlernamen zulegen, sich durch ihre Körperlichkeit definieren und auf die faszinierten Blicke ihrer Zuschauer aus sind. Etwas Ähnlichkeit mit einem Wrestling-Showabend hat doch auch das Filmemachen an sich, wenn es uns fesseln will und um unsere Gunst wirbt. Der Unterschied der meisten Wrestling-Veranstaltungen zur Inszenierung von THE WRESTLER: Hier vergisst man schnell, dass alles gespielt ist. Hier wirkt alles 'echt'.

    Um am Ende dieser Punktwertung weniger emotional und etwas sachlicher zu werden, zitieren wir zwei Meinungen. Eine stammt von einem Video Buster Kritiker, der seine Enttäuschung kommentiert: "Außerdem wirkt der ganze Film wie ein B-Movie." Dazu ist zu sagen, dass wir ein B-Movie vor uns haben. THE WRESTLER wurde mit gerade einmal fünf Millionen Dollar Budget umgesetzt, mit minimalen Gagen für die Besetzung, ohne Trailerpark-Unterbringung an den Sets, mit zahlreichen Laiendarstellern, in nur 35 Drehtagen an ebenso vielen Drehorten. Ein B-Movie, was die Mittel angeht, ein C-Ambiente inmitten der Turnhallen-Ringkämpfe, ein 1A-Ergebnis. Noch ein Zitat, das aus der 'Frankfurter Allgemeinen' stammt, lesen Sie in der Filmvorschau: "So intensiv, dass man den Blick nicht mehr abwenden kann." So ist es.

    "Don't call it a comeback" sang Rapper LL Cool J in den 90ern. Vielleicht gilt das auch für Mickey Rourke, der nach eigener Aussage seit 14 Jahren keine ordentliche Rolle mehr bekam, aber trotzdem nie wirklich vergessen war. Gelingt dem Wrestler 'The Ram' das Comeback? Diese Frage stellt sich der Betrachter des ausgezeichneten Filmportraits, das auch diejenigen ansprechen sollte, die nie ein Interesse an Hulk Hogan, an Bret Hart, am Undertaker entwickeln konnten. Mit der erste Filmminute nehmen sowohl Darren, wie Mickey, wie die fiktive Figur Randy jeder für sich Anlauf für einen neuerlichen Siegeszug. Wie lange dieser allerdings anhält, wie viele Kämpfe, wie viele Filme das gutgeht, das werden wir erleben. Sie können THE WRESTLER ab sofort auf DVD und Blu-ray erleben und an dieser Stelle mit den eigenen Worten ringen, die diesen bewegenden 105 Filmminuten gerecht werden.
  • Long Weekend
    Abenteuer, Thriller
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 11.08.2009
    Liegt ein langes Wochenende vor Ihnen? Was gibt es Schöneres, als sich auf ein langes Wochenende zu freuen... sollte man meinen. Carla hingegen plagen reichlich Zweifel vor dem anstehenden Kurzurlaub mit Ehemann Peter. Was in der australischen Wildnis und am angrenzenden Strand auf sie lauert, ist alles andere als unbeschwerte Zweisamkeit. Den Popsong von 'Polarkreis 18' könnte man dazu anstimmen: 'Wir sind allein, allein allein.' Oder doch nicht? Der vermeintliche Segen entwickelt sich zum Fluch, die traumhafte Natur zum Alptraum.

    Claudia Karvan und James Caviezel spielen das Paar, mit spürbarer Leidenschaft. Sie trat zuvor in STAR WARS: EPISODE III - DIE RACHE DER SITH auf, das hatten wir nicht gewusst. Lehrreich wirkt soweit die Beschäftigung mit LONG WEEKEND (Australien 2008). Caviezel hatte zuvor einen bekannteren Filmauftritt, 2004 in DIE PASSION CHRISTI. Leid zu ertragen, das konnte er in der Rolle Christi zur Genüge üben. Nun wird sein 'Peter' am 'langen Wochenende' mit seiner Frau auf einen ebenfalls schmerzhaften Weg geschickt und wird ein ganz eigenes Martyrium durchmachen, soviel wird vorab verraten und steigert die Neugierde.

    Werden die 84 Filmminuten nun zum Leidensweg des Zuschauers? Nein, so schlimm ist es bei weitem nicht. Sie sollten sich aber auf die Geschichte einlassen, nur so kann sie überhaupt funktionieren. Denn es ist keine klassische Thriller-Geschichte und auch die Einordnung ins Horrorgenre trifft es nicht. Der Betrachter wird weder erzählerisch an die Hand genommen, noch werden die zwei (bis auf einige Figuren am Wegesrand einzigen) Filmcharaktere im Verlauf sympathisch, im Gegenteil. Und man kann Einiges hinein interpretieren in die bedrohlichen Situationen, die mehr oder weniger spannend und anspannend auf uns Zuschauer zukommen. Vieles kann man in die Konflikte mit dem Partner und mit der Natur hineindenken, zum Beispiel dass... Nein. Sie schauen sich LONG WEEKEND besser selbst an und erzählen hier Ihre eigene Sicht der Dinge.

    Als wunderbar kann man es empfinden, dass die Geschichte ein wenig Freiraum für eigene Interpretation lässt. Unsere eingeschränkte Empfehlung zu diesem Filmtipp entstand hauptsächlich dadurch, dass wir zuvor den Klassiker LONG WEEKEND von 1978 angeschaut haben. Was für ein prächtiger 70er Jahre Film, gleichermaßen ungemütlich wie faszinierend. Wie typisch für die Zeit, nicht nur durch die hellblaue, dreistreifige Trainingsanzugsmode, auch als (unterschwelliger) Beitrag zur damaligen Diskussion um die Emanzipation der Frau, den gedankenlosen Umgang mit der Umwelt, die aufkommenden Freizügigkeit, Freiheitsdrang, die sexuelle Befreiung und ihre Folgen. Und wie aufreibend in seiner minimalistischen Darstellungsweise und seiner enormen Spannungskurve, noch verstärkt durch einen Filmsoundtrack, der seinerzeit die Musik aus Ruggero-Deodato-Urwaldfilmen und John-Carpenter-Slasherfilmen mitgeprägt hat. Auch wenn es genau wie die Handlung Auslegungssache ist: Stilgerecht während eines langen Wochenendes bleibt davon - zumindest bei einem direkten Vergleich der zwei Werke von Colin Eggleston (1978) und Jamie Blanks (2008) - nicht viel übrig. Obwohl die einzelnen Dialoge und Szenen beinahe nach dem gleichen Schema ablaufen, ist die Summe der Einzelteile dreißig Jahre später nicht mehr die gleiche.

    Ob der abgenutzte Spruch 'Früher war alles besser' womöglich doch einen Funken Wahrheit enthält? Heute wird dem Namen des ursprünglichen Regisseurs, Colin Eggleston, zu Beginn der Neuverfilmung gehuldigt, mit eine 'Eggleston Hotel' Schild. Ob der 2002 in der Schweiz verstorbene Regisseur wohl gerne seinen Namen in diesem Remake gesehen hätte? Spekulation. Der Drehbuchschreiber des LONG WEEKEND von 1978, Everett De Roche, jedenfalls scheint keinerlei Berührungsängste zu haben und hat sein Skript bereitwillig modernisiert. Dass bei einem heutigen Automodell ein im Film gezeigter Kippschalter seiner Aussage zufolge gar nicht mehr vorkommt, dass ein eingeführtes GPS-Gerät völlig nutzlos erscheint, darüber lacht er im englischen Audiokommentar, den man optional auswählen kann. Wenig Erhellendes darf man hier erwarten, es ist für die beteiligten Sprecher - die zwei Hauptdarsteller - das erste Mal, einen solchen Kommentar zu sprechen. So loben sie sich dann gegenseitig und Caviezel gesteht, einen großen Bogen um das Original gemacht zu haben. Über die enorme Fliegenpopulation am Drehort hingegen erfährt man dort eine ganze Menge.
  • Smart People
    Manchmal haben auch die klügsten Menschen noch viel zu lernen...
    Komödie, Drama
    Bewertung und Kritik von Filmfan "VideobusterRedaktion" am 30.07.2009
    Du kannst nicht lesen. Wie fühlt sich das an, wenn man dumm ist? Sollten Sie sich von solchen Aussagen beleidigt fühlen, geht es Ihnen wie den Mitmenschen, die täglich den SMART PEOPLE begegnen. Den Neunmalklugen, die sich für klüger halten. Ob sie es wirklich sind und ob es eine kluge Entscheidung ist, sich für einen Abend mit diesem Film zu entscheiden?

    SMART PEOPLE, das ist keine Kleinwagen-Fahrgemeinschaft, das ist eine dramatische Komödie, ein komödiantisches Drama. Abgesehen von der teils prominenten Besetzung schwebt über dieser Produktion ein großes Independent-Film Ausrufezeichen. Im November 2006 in weniger als einem Monat abgedreht, mit Freiraum für schauspielerische Improvisation, guter Laune an den Drehorten in Pittsburgh/Pennsylvania, von 'Groundswell' und 'QED' produziert und stolz auf dem Mekka für unabhängig denkende Künstler, dem 'Sundance Film Festival 2008', präsentiert. Diese Aufzählung von Entstehungsphasen soll nun weder altklug noch missbilligend klingen. Im Nachhinein nur ein klein wenig enttäuscht.

    'Du kannst nicht lesen' ('You can't read'), so könnte der Titel eines Buchmanuskripts lauten, das Unidozent Lawrence Wetherhold (Dennis Quaid) nicht zu Ende bringt. Ein wenig am Ende ist er selbst, nachdem seine Frau vor Jahren starb und seine Studenten ihm nach endlosen Gelehrten-Monologen kein Gehör mehr schenken. Sein Sohn James (Ashton Holmes) scheint schon ein wenig seinen eigenen Weg gefunden zu haben, während Tochter Vanessa (Ellen Page) daheim den Haushalt schmeißt und strebsam bis streberisch ihren Weg zur Stanford Universität sucht. Viele Wege, die allerdings nicht nach Rom oder sonst einem konkreten Lebensziel führen, sondern immer wieder in die heimischen vier Wände, zwischen denen die Zeit stehengeblieben ist. Hier werden weder Altkleider noch seelische Altlasten entsorgt. Welche Auswirken es hat, dass Adoptivbruder/Onkel Chuck (Thomas Haden Church) auf der Matte steht und obendrein eine smarte Ärztin (Sarah Jessica Parker) ins Familiengefüge gerät, das können Sie in 90 Filmminuten herausfinden, im Erstlingswerk des aus Israel stammenden Regisseurs Noam Murro.

    Um Ihnen nicht wie ein träge gewordener Uniprofessor ellenlange Vorträge zu halten, aber zumindest einen persönlichen Eindruck zu liefern: Wir haben diesen Film einmal mit deutschem Ton angeschaut, weil Verwandtschaft zu Besuch war. Kein Problem, mit einem eigenen Familienmitglied diesen Film über Familienprobleme zu sehen. Man wird eher schmunzelnd unterhalten statt mit unangenehmen 'Wahrheiten' über das Leben konfrontiert. Video Buster Mitglieder 'ippxma' schreibt in seiner Filmkritik dazu: 'Hier und da kann man sicher mal amüsiert lächeln, wird jedoch den ganzen Film über den Gedanken nicht los, diese Typen alle aus seinem persönlichen Umfeld zu kennen.' Ein gewisser Realitätsbezug wäre für SMART PEOPLE zumindest ein Teilerfolg.

    Später ein zweites Mal die DVD eingelegt, um die englische Originalfassung zu erleben und zu hoffen, dass die Synchronisation es verdorben hat. Fehlanzeige, die Übersetzung war gut. Die Liebesaffäre wird vielleicht ein klein wenig nachvollziehbarer, wenn man Dennis Quaids noch charismatischere Originalstimme hört. Am leeren Gefühl nach Ende des Films - verstärkt durch die Bilder im Abspann - ändert sich nichts.

    Ein dritter Durchgang, weil es immer noch schade ist, dass dieser Film einfach nicht liebenswerter wird: Unter den Extras der DVD findet sich die optionale Tonspur mit dem 'Audiokommentar von Regisseur Noam Murro und Drehbuchautor Mark Jude Poirier'. Der Schreiber Poirier sagt dem Regiekollegen Murro nach einer Stunde, er habe die Szene gut gefilmt. Murro antwortet ironisch, ja wenn sie doch nur besser geschrieben wäre. Beide lachen. Ironie oder Ironie des Schicksals? Diese Kerle möchte man genau wie die Personen im Film wirklich gerne mögen, weil Murro und Poirier hier beide ihren Erstling vorlegen. Gratulieren sollte man ihnen und sich nicht für klüger halten und ihren Film auseinander nehmen. Ein alter Bekannter hätte gesagt: 'Mach's doch erst mal besser!' So ist das mit der Filmbesprechung, ein bisschen anmaßend darf man als Zuschauer schon sein, schließlich ist es die eigene Lebenszeit, die man auch mit noch besseren Dingen verbringen könnte.

    Mit EAGLE VS SHARK (Neuseeland 2007) zum Beispiel, wenn Sie auf richtige Loser stehen, die uns mit einer reichhaltigen Palette an ideenreichen Bildern und skurrilen Situationen ans Herz wachsen können. Oder mit LITTLE MISS SUNSHINE (USA 2006), bei dem eine ebenso spleenige Familie zueinander und jeder seinen eigenen Weg finden muss. Und wenn es um einen Intellektuellen mit Schreibblockade, um Freundschaft und Bindung zum anderen Geschlecht gehen soll, dann greifen Sie zu SIDEWAYS (USA 2004), dessen Cover ebenso grün daherkommt, dessen Hauptdarsteller ebenfalls Thomas Hayden Church ist und bei dem das Drehbuch rund ist und mit dem Oscar(c) gekrönt wurde. Sie haben alle genannten Filme bereits gesehen? Denken Sie über unsere Kritik das, was Onkel Chuck in SMART PEOPLE über den Flyer seiner Nichte denkt? 'Stammzellen-Forschung - Die falsche Wahl. Ist ja echt fesselnd, der Scheiß.' ('That's a real riveting shit there.') Dann greifen Sie zu dem Film, auf dessen Seite Sie sich gerade befinden. Ist trotz aller Nörgelei eine kluge Wahl.