Neonfarbenes Grau-in-Grau
Erfolg gibt Recht, also orientieren sich viele Charaktere an Publikumslieblingen. Liebenswerte Arschgeigen à la Tony Stark schießen wie Pilze aus dem Boden – nicht nur innerhalb des geteilten Marvel-Universums (MCU). Mittlerweile streiten sich Filmhelden regelrecht darum, wer im Angesicht der Gefahr den nächsten Oneliner zum Besten geben darf. Selbst Filmreihen ohne Superhelden setzen zunehmend auf ironische Figuren und Wortgefechte.Jemand, der die Gefahr verlacht, ist abgebrühter als der Rest und bleibt als besonders cool im Gedächtnis. Ein Held unter Helden gewissermaßen. Wenn aber keiner die Bedrohung ernst nimmt, gibt es keine mehr. Niemand sticht als besonders abgebrüht hervor oder hebt sich von der Masse der bunt-schrillen Charaktere ab.
Sin City (Robert Rodriguez, Frank Miller), USA, 2005)
[SPOILER von hier ab]Sin City kommt dem ersten richtigen MCU-Film gerade einmal 3 Jahre zuvor. Trotzdem wirkt die Adaption der Frank-Miller-Comics wie ein komplett anderes Filmgenre. Übrigens nicht nur im direkten Vergleich zu Avengers und Co., sondern auch zu seinen eigenen Zeitgenossen. Schließlich gab es auch schon damals klassischere Superhelden-Storys à la Spider-Man, Batman oder die X-Men mit Action und coolen Sprüchen. All das existierte natürlich in Ansätzen, aber eben auch und nicht ausschließlich. Was den Superhelden auf der Leinwand ausmachte, schien deutlich weniger in Stein gemeißelt.
Am äußeren Rand dieser unsteten Filmlandschaft entstanden Filme wie 300, V wie Vendetta oder Watchmen: brutal, finster und kantig. Selbst FSK-18-Freigaben erregten in dieser Zeit keine übermäßige Aufmerksamkeit. In der Post-Marvel-Ära sieht das anders aus. Heute sorgen Filme wie Deadpool, die ihre fehlende Jugendfreigabe gezielt vermarkten, sogar für volle Kinos – ganz einfach deshalb, weil sie eine seltene Ausnahme darstellen.
Originalgetreu
Sin City stellt den Versuch dar, einen Comic möglichst nah am Original zu verfilmen. Ohne Kompromisse, ohne Zugeständnisse, mit Respekt für das Ausgangsmaterial. Während zum Beispiel Christopher Nolans Batman-Filme eine Vielzahl von Quellen heranzogen, um aus mehreren Geschichten eine eigene Handlung zu formen, nutzt Robert Rodriguez Millers Comic als direkte Vorlage. Buchstäblich sogar.All das wirft eine wichtige Frage auf: Warum eine Comic-Vorlage verfilmen, die im Grunde nur lose vom Ausgangsmaterial inspiriert ist? Warum nicht gleich eine eigene Geschichte erzählen, anstatt eine fremde als Gerüst zu verwenden? Vor allem, wenn die visuelle und erzählerische Einzigartigkeit des Originals dabei verlorengeht. Die Realität ist langweilig. Deswegen lesen wir Comics – oder schauen Filme. Filme, die wiederum versuchen, Comics möglichst so umzusetzen, dass sie in unserer Realität stattfinden könnten. Schon ironisch.
Aus dem Rahmen gefallen
Niemals ließe sich Sin City einfach in ein Filmuniversum einfügen – zumindest in eines, das nicht in Basin City spielt. Millers Vorlage ist einfach zu speziell. Zu grimmig.Was in City passiert, bleibt in Sin City
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Sin Citys Bewohner und die Avengers überhaupt in die Quere kommen könnten, fällt ohnehin gering aus. Millers Comic-Stadt versteht sich selbst als abgeschlossenes Universum, in dem alles Wichtige direkt vor Ort passiert: Marv (Mickey Rourke) rächt seine große Liebe, Dwight (Clive Owen) verhindert einen Bandenkrieg im Rotlichtbezirk und Hartigan (Bruce Willis) beschützt eine einzige Person.Die Welt rettet keiner der drei Helden. Es ließe sich sogar argumentieren, dass sich die Stadt am Ende kaum bis gar nicht verbessert hat. Keine besonders heldenhafte Leistung. Aber gibt es hier einen wirklichen Unterschied zum MCU? Immerhin halten die Happy Ends auch hier nur so lange an, bis ein neuer Film und eine neue Bedrohung her müssen. Sin City unternimmt gar nicht erst den Versuch, heile Welten zu errichten, die letzten Endes wieder eingerissen werden müssen. Die Stadt bleibt im Grunde unverändert – so wie auch das Marvel-Universum. Nichts verbessert sich wirklich dauerhaft. Sin City unterscheidet sich nur insofern, als dass diese deprimierende Realität im Einklang mit der Stimmung des Films steht.
Dafür sorgen auch die bescheidenen Dimensionen der Geschichte. Drei zentrale Figuren in einer einzigen Stadt – das bedeutet überschaubare und vor allem greifbare Schicksale. Es muss nicht immer gleich das ganze Universum auf dem Spiel stehen, um uns bei der Stange zu halten. Im Gegenteil. Die ständige Eskalation im Comic-Film-Genre sorgt eher dafür, dass wir die Dimensionen nicht mehr (be-)greifen können. Vor allem, wenn sich die Dimensionen im Superhelden-Genre jedes Mal selbst überbieten müssen, um interessant zu bleiben. Irgendwann muss diese Blase platzen.
Und das wäre eigentlich nicht einmal besonders schlimm. Unsere eigenen Tragödien, Kämpfe, Krisen und Verluste sprengen schließlich selten den Rahmen unseres Bekanntenkreises. Alles, was darüber hinausgeht, driftet schnell ab in den Bereich des Anonymen. Des Ungreifbaren. Sin City umgeht dieses Problem geschickt, indem Millers Geschichte überschaubare Grenzen absteckt, die der Zuschauer fassen kann.
Ultragewalt (FSK 12)
Wer erinnert sich nicht an diese Szene aus dem ersten Avengers-Film, in der Hulk Loki zu fassen bekommt? Kurzerhand packt der grüne Koloss den Bösewicht, um ihn wie einen Gummihahn herumzuschleudern und auf den Marmorboden zu dreschen. Was jedem normalen Menschen an die 200 gebrochene Knochen bescheren würde, hinterlässt im MCU keine bleibenden Spuren. Der Ausbruch wirkt zwar oberflächlich brutal, bleibt letztlich aber im Bereich konsequenzloser Cartoon-Gewalt. Als fiele Wile E. Coyote bei der Jagd auf den Roadrunner ein Klavier auf den Kopf.Der eigentliche Grund liegt auf der Hand: FSK 12 sorgt für ein möglichst großes Publikum und da alle Filme im gleichen Universum mit der gleichen Jugendfreigabe spielen, fallen Splatter- und Gore-Szenen kategorisch weg. Unsere Helden, Schurken und Zivilisten leben also relativ sicher – zumindest, was besonders verstörende Schicksale angeht. Die Szene mit Loki und Hulk wirkt ein wenig, als wolle jemand seinen Kuchen essen und trotzdem behalten.
Der Ernst des (Ab-)Lebens
Millers fiktive Metropole muss nicht in ein bestehendes Universum mit fixer Jugendfreigabe passen. Rodriguez kann jederzeit aufs Ganze gehen, der Vorlage treu bleiben und Charaktere reihenweise über den Jordan schicken – ganz ohne Rücksicht auf Fortsetzungen oder Spin-offs. Diese Abgeschlossenheit stellt sicher, dass jeder Charakter um einen hohen Einsatz spielt und sich entsprechend verhält. Keine Witze, keine lockeren Sprüche, keine Ironie. Dwight, Hartigan und Co. nehmen sich und die Welt um sich herum ernst. Das sorgt für konstante Spannung.Die Gewalt in Sin City wirkt oft ebenfalls wie aus einem Cartoon. Allerdings mit dem exakt umgekehrten Effekt: Robert Rodriguez steigert sehr greifbare Verletzungen ins Absurde. Treffer mit Schusswaffen reißen komplette Gliedmaßen ab. Blutfontänen versprühen mehr Lebenssaft, als der menschliche Körper in sich trägt. Jeder Gewaltakt bietet ein unerwartetes Eskalationslevel. All das sorgt dafür, dass Sin City trotz unrealistischer und überzogener Momente ins Mark trifft: Weil sich der Film als alleinstehendes Werk trauen darf, Konsequenzen geltend zu machen und sich dabei ernst zu nehmen – trotz Überzeichnung.
Fazit:
Sin City ist ganz sicher kein perfekter Film. Trotzdem wirkt der Ausflug in das finstere Basin City mit seinen grimmigen Gestalten wie ein Erholungsurlaub. Millers verregneter Sündenpfuhl bildet den größtmöglichen Kontrast zum auf Hochglanz getrimmten MCU.Ironie ist eine praktische Sache. Wer sich selbst nicht so ernst nimmt, hat wenig zu befürchten. Aber sie kann uns eben auch davon abhalten, etwas Neues zu versuchen und wirklich dazu zu stehen. Kreativität heißt eben auch, Risiken einzugehen. Dafür müssen wir den Schutzmantel der Ironie ablegen – zumindest hin und wieder.

![„[Und] wenn alle super sind, ist es niemand mehr.“ © Walt Disney Studios „[Und] wenn alle super sind, ist es niemand mehr.“ © Walt Disney Studios](http://gfx.videobuster.de/archive/v/cd18jBgJrzyVvysD7Ewsm-AeD1iZkdGeWxHbDJaU_hMMk5zVmxJd1NuRmxNSGRJVEZaRGJUaFBURFJ5TUROUlkzb3diRTFyWVhkMFUxVjVVbkZqYkUxclduQmlWMGRhU2xSS1IyTktUV3hOYTJGdFdWOUhkRmt5Vm1oTlIwdHdPVmRVZGxsbVdITnlTMXB0V1cxVk5VeHVRMVJLYmtrNVpEbIZ5NXdrdw.jpg)









