Anti-Superheldenfilme - Teil 1

Urlaub in Sin City

Urlaub in Sin City - In unserem 1. Teil der 'Anti-Superheldenfilme' werfen wir einen Blick auf die 00er-Jahre und zeigen, wie vielseitig das Genre sein kann. Beispiel: Sin City
Anti-Superheldenfilme - Teil 1: Urlaub in Sin City
Anti-Superheldenfilme - Teil 1: Urlaub in Sin City
Das Marvel Cinematic Universe hat tiefe Spuren hinterlassen. Action, coole Sprüche, ironische Helden mit charmanten Charakterschwächen – das Rezept funktioniert einfach. Vor allem die Tatsache, dass Lieblingshelden in den Filmen anderer Figuren auftauchen, lockt Fans in eine Vielzahl der Marvel-Filme – selbst in die, die nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

Die „Figurenleihe“ nimmt den Filmen aber auch ihre Einzigartigkeit – schließlich muss alles zusammen funktionieren und als gemeinsames Universum erkennbar bleiben. Zu große Abweichungen stören die Harmonie, das macht Kompromisse notwendig. Der Rahmen des Erwartbaren fällt somit recht klein aus. Große Überraschungen oder stilistische Experimente bleiben (zwangsläufig) auf der Strecke.

Neonfarbenes Grau-in-Grau

Erfolg gibt Recht, also orientieren sich viele Charaktere an Publikumslieblingen. Liebenswerte Arschgeigen à la Tony Stark schießen wie Pilze aus dem Boden – nicht nur innerhalb des geteilten Marvel-Universums (MCU). Mittlerweile streiten sich Filmhelden regelrecht darum, wer im Angesicht der Gefahr den nächsten Oneliner zum Besten geben darf. Selbst Filmreihen ohne Superhelden setzen zunehmend auf ironische Figuren und Wortgefechte.

Jemand, der die Gefahr verlacht, ist abgebrühter als der Rest und bleibt als besonders cool im Gedächtnis. Ein Held unter Helden gewissermaßen. Wenn aber keiner die Bedrohung ernst nimmt, gibt es keine mehr. Niemand sticht als besonders abgebrüht hervor oder hebt sich von der Masse der bunt-schrillen Charaktere ab.

Wie lange geht das gut, bis die Langeweile einsetzt? Und was verpassen wir, wenn wir das Genre der Comic-Verfilmung zu eng fassen? In dieser mehrteiligen Serie wirft die VIDEOBUSTER-Redaktion einen Blick auf einzigartige Superheldenfilme, die (so) heute niemand mehr drehen würde.

Sin City (Robert Rodriguez, Frank Miller), USA, 2005)

[SPOILER von hier ab]

Sin City kommt dem ersten richtigen MCU-Film gerade einmal 3 Jahre zuvor. Trotzdem wirkt die Adaption der Frank-Miller-Comics wie ein komplett anderes Filmgenre. Übrigens nicht nur im direkten Vergleich zu Avengers und Co., sondern auch zu seinen eigenen Zeitgenossen. Schließlich gab es auch schon damals klassischere Superhelden-Storys à la Spider-Man, Batman oder die X-Men mit Action und coolen Sprüchen. All das existierte natürlich in Ansätzen, aber eben auch und nicht ausschließlich. Was den Superhelden auf der Leinwand ausmachte, schien deutlich weniger in Stein gemeißelt.

Am äußeren Rand dieser unsteten Filmlandschaft entstanden Filme wie 300, V wie Vendetta oder Watchmen: brutal, finster und kantig. Selbst FSK-18-Freigaben erregten in dieser Zeit keine übermäßige Aufmerksamkeit. In der Post-Marvel-Ära sieht das anders aus. Heute sorgen Filme wie Deadpool, die ihre fehlende Jugendfreigabe gezielt vermarkten, sogar für volle Kinos – ganz einfach deshalb, weil sie eine seltene Ausnahme darstellen.

Originalgetreu

Sin City stellt den Versuch dar, einen Comic möglichst nah am Original zu verfilmen. Ohne Kompromisse, ohne Zugeständnisse, mit Respekt für das Ausgangsmaterial. Während zum Beispiel Christopher Nolans Batman-Filme eine Vielzahl von Quellen heranzogen, um aus mehreren Geschichten eine eigene Handlung zu formen, nutzt Robert Rodriguez Millers Comic als direkte Vorlage. Buchstäblich sogar.

Wann immer der Zuschauer die Stopptaste drückt, offenbart sich ein Panel aus Millers Vorlage: Starke Kontraste, schwarz-weiß, nur einzelne Farben stechen heraus. Details gehen zum Teil komplett verloren im monochromen Schwarz und Weiß großer Flächen. Übrig bleiben lediglich Umrisse – „negativer Raum“ nennt das der Fotograf. Rodriguez' Film übernimmt die Merkmale des Comics und sorgt damit für Wiedererkennungs- und Identifikationswert. Zu keinem Zeitpunkt besteht Zweifel, was die Vorlage des Films ist – eine Herangehensweise, die im Zusammenhang mit Comics eigentlich auf der Hand liegen sollte. Schließlich entsprechen die Hefte bereits einem ausgefeilten Storyboard.

All das wirft eine wichtige Frage auf: Warum eine Comic-Vorlage verfilmen, die im Grunde nur lose vom Ausgangsmaterial inspiriert ist? Warum nicht gleich eine eigene Geschichte erzählen, anstatt eine fremde als Gerüst zu verwenden? Vor allem, wenn die visuelle und erzählerische Einzigartigkeit des Originals dabei verlorengeht. Die Realität ist langweilig. Deswegen lesen wir Comics – oder schauen Filme. Filme, die wiederum versuchen, Comics möglichst so umzusetzen, dass sie in unserer Realität stattfinden könnten. Schon ironisch.

Aus dem Rahmen gefallen

Niemals ließe sich Sin City einfach in ein Filmuniversum einfügen – zumindest in eines, das nicht in Basin City spielt. Millers Vorlage ist einfach zu speziell. Zu grimmig.

Wahrscheinlich liegt hier der Grund, warum in einer Post-Avengers-Filmwelt keine wirklichen Extremfälle mehr existieren. Charaktere wie Marv würden zwischen den Avengers wirken wie ein Fremdkörper, also gibt es sie schlicht und einfach nicht mehr. Jedes Mischverhältnis ist letzten Endes immer ein Kompromiss, bei dem die hervorstechendsten Merkmale verlorengehen.

Was in City passiert, bleibt in Sin City

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Sin Citys Bewohner und die Avengers überhaupt in die Quere kommen könnten, fällt ohnehin gering aus. Millers Comic-Stadt versteht sich selbst als abgeschlossenes Universum, in dem alles Wichtige direkt vor Ort passiert: Marv (Mickey Rourke) rächt seine große Liebe, Dwight (Clive Owen) verhindert einen Bandenkrieg im Rotlichtbezirk und Hartigan (Bruce Willis) beschützt eine einzige Person.

Die Welt rettet keiner der drei Helden. Es ließe sich sogar argumentieren, dass sich die Stadt am Ende kaum bis gar nicht verbessert hat. Keine besonders heldenhafte Leistung. Aber gibt es hier einen wirklichen Unterschied zum MCU? Immerhin halten die Happy Ends auch hier nur so lange an, bis ein neuer Film und eine neue Bedrohung her müssen. Sin City unternimmt gar nicht erst den Versuch, heile Welten zu errichten, die letzten Endes wieder eingerissen werden müssen. Die Stadt bleibt im Grunde unverändert – so wie auch das Marvel-Universum. Nichts verbessert sich wirklich dauerhaft. Sin City unterscheidet sich nur insofern, als dass diese deprimierende Realität im Einklang mit der Stimmung des Films steht.

Dafür sorgen auch die bescheidenen Dimensionen der Geschichte. Drei zentrale Figuren in einer einzigen Stadt – das bedeutet überschaubare und vor allem greifbare Schicksale. Es muss nicht immer gleich das ganze Universum auf dem Spiel stehen, um uns bei der Stange zu halten. Im Gegenteil. Die ständige Eskalation im Comic-Film-Genre sorgt eher dafür, dass wir die Dimensionen nicht mehr (be-)greifen können. Vor allem, wenn sich die Dimensionen im Superhelden-Genre jedes Mal selbst überbieten müssen, um interessant zu bleiben. Irgendwann muss diese Blase platzen.

Und das wäre eigentlich nicht einmal besonders schlimm. Unsere eigenen Tragödien, Kämpfe, Krisen und Verluste sprengen schließlich selten den Rahmen unseres Bekanntenkreises. Alles, was darüber hinausgeht, driftet schnell ab in den Bereich des Anonymen. Des Ungreifbaren. Sin City umgeht dieses Problem geschickt, indem Millers Geschichte überschaubare Grenzen absteckt, die der Zuschauer fassen kann.

Ultragewalt (FSK 12)

Wer erinnert sich nicht an diese Szene aus dem ersten Avengers-Film, in der Hulk Loki zu fassen bekommt? Kurzerhand packt der grüne Koloss den Bösewicht, um ihn wie einen Gummihahn herumzuschleudern und auf den Marmorboden zu dreschen. Was jedem normalen Menschen an die 200 gebrochene Knochen bescheren würde, hinterlässt im MCU keine bleibenden Spuren. Der Ausbruch wirkt zwar oberflächlich brutal, bleibt letztlich aber im Bereich konsequenzloser Cartoon-Gewalt. Als fiele Wile E. Coyote bei der Jagd auf den Roadrunner ein Klavier auf den Kopf.

Zugegebenermaßen handelt es sich bei Loki um ein gottgleiches Wesen. Es gibt innerhalb des Universums also eine Erklärung für die Unversehrtheit des Schurken. Dass solche Ausbrüche aber immer gerade dann stattfinden, wenn das Opfer ohnehin keine grafischen Verletzungen davontragen kann, macht schon stutzig.

Der eigentliche Grund liegt auf der Hand: FSK 12 sorgt für ein möglichst großes Publikum und da alle Filme im gleichen Universum mit der gleichen Jugendfreigabe spielen, fallen Splatter- und Gore-Szenen kategorisch weg. Unsere Helden, Schurken und Zivilisten leben also relativ sicher – zumindest, was besonders verstörende Schicksale angeht. Die Szene mit Loki und Hulk wirkt ein wenig, als wolle jemand seinen Kuchen essen und trotzdem behalten.

Der Ernst des (Ab-)Lebens

Millers fiktive Metropole muss nicht in ein bestehendes Universum mit fixer Jugendfreigabe passen. Rodriguez kann jederzeit aufs Ganze gehen, der Vorlage treu bleiben und Charaktere reihenweise über den Jordan schicken – ganz ohne Rücksicht auf Fortsetzungen oder Spin-offs. Diese Abgeschlossenheit stellt sicher, dass jeder Charakter um einen hohen Einsatz spielt und sich entsprechend verhält. Keine Witze, keine lockeren Sprüche, keine Ironie. Dwight, Hartigan und Co. nehmen sich und die Welt um sich herum ernst. Das sorgt für konstante Spannung.

Die prominente Ausnahme stellt Marv dar, der den ein oder anderen lässigen Spruch in typisch schroffer Pulp-Krimi-Manier zum Besten gibt. Aber eben nur er und niemand sonst. Marv ergibt als Ausnahme Sinn. Schließlich stilisiert der Film ihn als semi-übermenschliche Figur, die von Hochhausdach zu Hochhausdach springt, Kugeln ausweicht und sich den Gesetzen der Physik widersetzt. Insofern kommt er einem klassischen Superhelden mit Kräften am nächsten. Er kann es sich also am ehesten leisten, das Gräuel der Stadt auf die leichte Schulter zu nehmen. Trotzdem segnet der Hüne am Ende das Zeitliche, so wie alle anderen. Damit unterstreicht der Film seine Herangehensweise: Niemand ist sicher. Nicht einmal Übermenschen.

Die Gewalt in Sin City wirkt oft ebenfalls wie aus einem Cartoon. Allerdings mit dem exakt umgekehrten Effekt: Robert Rodriguez steigert sehr greifbare Verletzungen ins Absurde. Treffer mit Schusswaffen reißen komplette Gliedmaßen ab. Blutfontänen versprühen mehr Lebenssaft, als der menschliche Körper in sich trägt. Jeder Gewaltakt bietet ein unerwartetes Eskalationslevel. All das sorgt dafür, dass Sin City trotz unrealistischer und überzogener Momente ins Mark trifft: Weil sich der Film als alleinstehendes Werk trauen darf, Konsequenzen geltend zu machen und sich dabei ernst zu nehmen – trotz Überzeichnung.

Fazit:

Sin City ist ganz sicher kein perfekter Film. Trotzdem wirkt der Ausflug in das finstere Basin City mit seinen grimmigen Gestalten wie ein Erholungsurlaub. Millers verregneter Sündenpfuhl bildet den größtmöglichen Kontrast zum auf Hochglanz getrimmten MCU.

Damit zeigt die Comic-Verfilmung, dass es auch anders geht. Das Hier und Jetzt ist kein Sachzwang. Jede gute Idee verliert ihre Wirkung, wenn es Abziehbilder an jeder Ecke gibt. Sin City steht diesen Trends unvereinbar gegenüber und beweist, dass Kreativität in vielen Tonarten und Farben existieren kann. Oder eben in Schwarz-Weiß.

Ironie ist eine praktische Sache. Wer sich selbst nicht so ernst nimmt, hat wenig zu befürchten. Aber sie kann uns eben auch davon abhalten, etwas Neues zu versuchen und wirklich dazu zu stehen. Kreativität heißt eben auch, Risiken einzugehen. Dafür müssen wir den Schutzmantel der Ironie ablegen – zumindest hin und wieder.

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2006
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