Dark Water (Hideo Nakata, 2002, Japan)
Kinozuschauern im Westen sind Kōji Suzukis Gruselgeschichten vor allem durch Gore Verbinskis Ring-Verfilmung von 2002 bekannt. Hideo Nakatas Originalverfilmung aus 1998 gilt dagegen mehr oder weniger als Geheimtipp. Das trifft auch auf Dark Water zu. Eine US-Verfilmung gibt es hier ebenfalls. Sowohl das Original als auch die Hollywood-Adaption bleiben aber hinter der Bekanntheit der Ring-Reihe zurück. Nichtsdestotrotz zählt zumindest das japanische Original als Kultfilm. Viele eingefleischte J-Horror-Fans bewerten Dark Water sogar als Hideo Nakatas Meisterwerk.Viel interessanter ist außerdem die folgende Frage: Wenn sich beide Filme so sehr ähneln, warum gilt Dark Water dann als unterschätzter Geniestreich? Das liegt möglicherweise daran, dass sich Dark Water problemlos als psychologischer Horrorfilm einordnen lässt. Bei Ringu hingegen handelt es sich – abgesehen von typischen J-Horror-Eigenheiten – um einen recht klassischen Gruselfilm.
Und wir haben noch eine zweite These: Dark Water ähnelt Ringu nur oberflächlich. Wie der Film seinen Horror aufbaut, erinnert in weiten Teilen an Session 9.
Einzug ins Unbekannte
In Session 9 hat sich das Grauen gewissermaßen an einem konkreten Ort niedergelassen. Gordon und seine Angestellten ziehen zu Beginn des Films in den Wirkbereich des Unbekannten, das sich wiederum im Kopf seiner Gäste einnistet. Aus dieser Dynamik ergibt sich der psychologische Horror der Geschichte.Tapetenwechsel
Im Vergleich zur Danvers-State-Klinik wirkt das Mietshaus nahezu einladend. Der Horror der Anstalt ist um ein Vielfaches grafischer, greifbarer und konkreter. Allerdings kommt der Schrecken aus so vielen Richtungen auf einmal, dass er immer im Bereich des Unbekannten verbleibt.Dark Water spielt ebenfalls mit der Bedrohung durch das Unbekannte. Allerdings gibt uns der Film zunächst keinen konkreten Anlass, warum wir uns fürchten sollten. Schließlich handelt es sich nur um ein gewöhnliches – wenn auch marodes – Haus. Nur die Geheimniskrämerei der Vermietung und die augenscheinliche Eile, mit der die Wohnung unter den Hammer kommen soll, wirken etwas suspekt. Als sich die Ungereimtheiten häufen, stellt sich allmählich eine Atmosphäre der Bedrohung ein.
Tröpfchenfolter
Eine weitere Gemeinsamkeit beider Filme liegt im Fokus auf die Psyche der Hauptfigur. In Session 9 führt der Schauplatz der Nervenheilanstalt das Thema ein, in Dark Water äußert Yoshimis Ehemann den Vorwurf der Unzurechnungsfähigkeit sogar direkt. Zunächst wirkt die Äußerung lediglich wie eine Strategie im Streit um das Sorgerecht. Gleichzeitig sorgen der Erfolgsdruck, der Umzugsstress und die Geldnot dafür, dass Yoshimi ständig unter Hochspannung steht. Alle Augen ruhen auf ihr. Währenddessen beginnt die Belastung, tatsächlich an ihrer geistigen Verfassung zu nagen.Je versessener sich die junge Mutter um das Phänomen sorgt, desto verrückter kommt sie sich selbst vor. Yoshimi weiß keinen Rat. Hilfe suchen und das Sorgerecht aufs Spiel setzen? Oder die Probleme ignorieren und möglicherweise ihre Tochter gefährden? Vielleicht wäre es sogar besser, ihre geistige Verfassung einmal kritisch zu betrachten. Haben die Anwälte und ihr Exmann recht? Kann es sein, dass ihre Zurechnungsfähigkeit sie im Stich lässt? Womöglich geht die größte Gefahr für ihre Tochter tatsächlich von ihr selbst aus.
Der Wasserfleck an der Zimmerdecke, der unaufhörlich tröpfelt und das Heim langsam aber sicher überflutet, dient dabei als zentrales Motiv der Geschichte. Mit der Nässe bahnt sich auch der Ausnahmezustand einen Weg in die Normalität. Selbst draußen erinnert der Dauerregen Yoshimi daran, dass die Probleme zuhause auf sie warten. So verschafft sich das Unbekannte Stück für Stück Zugang in den Lebensraum der beiden. Und in Yoshimis Kopf.
Allein zu zweit
Abgeschiedenheit und Schrecken gehen im Horror klassischerweise Hand in Hand. Hält sich niemand außer uns an einem Ort auf, eilt damit auch keiner zu unserer Rettung, falls uns tatsächlich jemand (oder etwas) zu Leibe rückt.Allein-Sein führt natürlich zu Einsamkeit. Es gibt aber auch andere Umstände, die dafür sorgen, dass wir uns einsam fühlen. Zum Beispiel die Anonymität in der Masse. Sie verursacht mitunter etwas, das Isolation zumindest gleichkommt. Können wir die Gesichter in einer Menge nicht mehr wiedererkennen, fühlt es sich auch inmitten von Menschen an, als wären wir uns selbst überlassen.
Vor allem in einer fremden, sich ständig verändernden Umgebung fällt es schwer, sich verbunden zu fühlen. Die Flut der Gesichter in der Großstadt lässt alles miteinander verschwimmen. Aus der Überreizung erwächst Anonymität, schließlich Gleichgültigkeit und bald schon Einsamkeit.
Das Unbekannte wohnt nebenan
Je zahlreicher die Mietparteien, desto drastischer fällt der Effekt aus. Wirklich allein sind wir nie. Die dünnen Wände lassen keinen Zweifel an dieser Wahrheit aufkommen. Irgendwann lernen wir zwangsläufig, die Geräusche von nebenan zu ignorieren – oder verlernen, sie zu bemerken. Was aber wäre, wenn der Lärm eines Tages von unserer Seite aus kommt und es ebenfalls niemanden interessiert? Dann eilt auch niemand zu unserer Hilfe.Psycho-Horror-Bingo
Session 9s Horror braucht nur zehn Minuten, um auf eigenen Beinen zu stehen, und lässt bis zum Schluss nicht nach. Stress pur. Dark Water lässt sich hingegen Zeit und steigert die Intensität mit jeder Minute. Dabei arbeiten beide Filme mit nahezu identischen Bedrohungen: dem Unbekannten und seinem zerstörerischen Einfluss auf unseren Verstand. Da wir aber nicht zu viel über beide Filme verraten wollen, belassen wir es – auch hier – bei einem Grundriss.Das reicht allerdings völlig aus, um den Grusel von Hideo Nakatas Meisterstück zu verdeutlichen. Dark Water schafft es ebenso wie Session 9, in relativ kurzer Zeit eine Atmosphäre des Terrors zu schaffen, seine Zuschauer zu verunsichern und heimzusuchen. Der J-Horror-Klassiker geht dabei weniger abrupt vor, aber ebenso an die Substanz. Genau, was wir suchen. Für alle weiteren Gemeinsamkeiten empfehlen wir, Zettel und Stift beim Schauen bereitzuhalten.








