Psycho-Horror geht den umgekehrten Weg. Seine Schreckensquelle liegt – wie der Name schon sagt – in unserer Psyche. Also in uns selbst.
Somit besteht auch kein Grund, sich zu fürchten, oder? Schließlich gibt es hier nichts, was uns schaden könnte oder wollte. Wir sind schließlich nur wir. Aber lässt sich das überhaupt so einfach sagen? Was wäre, wenn die Grenzen eben nicht so klar gezogen wären, wie wir das bisher angenommen haben? Was wäre, wenn unser ärgster Feind der eigene Geist wäre?
Ohne Umweg ins Angstzentrum
Physische Feinde lassen sich mal mehr oder weniger effektiv bekämpfen. Und falls Silberkugeln, Kruzifixe und der Notruf versagen, bleibt immer noch die Flucht übrig. Unser Kopf hat keinen Notausgang. Unsere Psyche ist unser ständiger Begleiter – ob wir wollen oder nicht.Wir sind immer auf unsere fünf Sinne und unseren Verstand angewiesen. Je geschickter ein Film Zweifel an ihnen streut, desto effektiver lässt er die Grenzen verschwinden, die der Fernseher sonst aufrechterhält. Was hinter dem Bildschirm stattfindet, bleibt erfahrungsgemäß dort. Oder mit anderen Worten: Mit dem Ende des Gruselfilms endet auch der Grusel.
Horror, der unsere Psyche als Ziel wählt, existiert eben nicht abgetrennt von uns. Er findet nicht nur auf einem Bildschirm vor uns statt, sondern spielt sich parallel dazu hinter unserer Stirn ab. Er trifft uns somit ohne jeden Umweg. So dient unsere Psyche dem Grusel als direkte Leitung in unser Angstzentrum. Das macht Psycho-Horror so effektiv: seine Unmittelbarkeit.
All das sorgt auch dafür, dass wir noch lange nach dem Ablaufen der Credits etwas haben, vor dem wir uns fürchten können. Schließlich bleibt unser Verstand in seiner bisherigen Form bestehen. Mit all seinen Mängeln, Grenzen, blinden Flecken. Mit dem Zweifel am eigenen Verstand bleibt auch der Horror zurück, sobald er sich einmal in unserer Psyche eingenistet hat.
Fürchte dich nicht: Fürchte die Furcht
Psycho-Horror setzt direkt an der Wurzel an. Gleichzeitig scheint die Bedrohung aus keiner einzigen Richtung zu kommen, sondern aus allen gleichzeitig. Seine Quelle bleibt bis zum Schluss unklar. Das Genre programmiert unseren Verstand auf Gefahr um und nimmt uns gleichzeitig jedes Mittel der Verteidigung. Unser Geist – unser wichtigstes Werkzeug, um Probleme zu bewältigen – dient dem psychologischen Horror als Keimzelle. Unser einziges Mittel und größter Verbündeter im Kampf gegen die Furcht wendet sich damit von uns ab. Schlimmer noch: Unser Verstand wird in seinen Händen zur effektivsten Waffe gegen uns.Ein Hoch auf den Psycho-Horror!
Damit dies gelingt, müssen eine Menge Faktoren stimmen. Es ist eine Sache, ein gruseliges Filmmonster zu schaffen, es mit lauten Geräuschen auf den Zuschauer loszulassen und dann alles mit Kunstblut zu besprenkeln. Psycho-Horror aber verlangt nach wahren Architekten der Angst. Ihr Job ist es, jede Reaktion des Zuschauers vorauszusehen, um ein Labyrinth des Psycho-Terrors um sie herum zu konstruieren. Dafür braucht es Menschenkenntnis, Präzision und Kreativität.Wir lieben psychologischen Horror. Grund genug für die VIDEOBUSTER-Redaktion, nicht nur eine Reihe zum Thema zu starten, sondern auch weniger bekannte Filmbeispiele mit einer Empfehlung zu würdigen. So haben alle etwas davon: sowohl Genre-Fans als auch neugierige Gruselenthusiasten. Los geht es mit Session 9.
Film 1: Session 9 (Brad Anderson, 2001, USA)
Als Dreh- und Angelpunkt von Brad Andersons Horror-Debüt dient die verlassene Danvers State Anstalt in der Nähe von Boston. Das gilt übrigens nicht nur für die Handlung des Films. Auch seine Entstehungsgeschichte nimmt hier ihren Anfang. Als ehemaliger Bostoner fiel dem Regisseur das leerstehende Gebäude mehrfach auf und so beschloss er, einen Gruselfilm in dem Gebäude zu drehen. Das konkrete Konzept folgte erst mit dem Erhalt der Drehgenehmigung.Wenn die Wände sprechen könnten
Hinzukommt die belastende Geschichte der über 100 Jahre alten Anstalt. Wir können uns grob vorstellen, wer hier einst gehaust hat: Eine Mischung aus Patienten, Straftätern und ihren verstörten Opfern. Vielleicht sogar Menschen, die zu Unrecht hier eingesperrt waren. Fehldiagnostiziert. Die Schicksale unterscheiden sich. Eines ist aber nicht von der Hand zu weisen: In jedem Zimmer und jedem Gang hängt der Gestank von Krankheit, Wahn, Leid und Unheil.Das Filmteam hat die psychiatrische Klinik nahezu so belassen, wie es sie vorgefunden hat. Jedes Detail gibt Kunde vom Alter des Gebäudes und erzählt tausende traurige Geschichten. Abgeplatzte Farbe, Schutt, geborstene Wasserrohre, rostige Instrumente, Akten, Graffiti, persönliche Fotos an den Zimmerwänden. Anderson gibt sich große Mühe, all diese Details auf Kamera festzuhalten. Für den Regisseur dient die Klinik nicht nur als Drehort, sondern als Zeitzeuge.
Das Team
Kommen wir damit zum restlichen Cast und dem Aufhänger der Geschichte. Gordon Fleming (Peter Mullan) besitzt eine Asbestbeseitigungsfirma in der Nähe von Boston. Da die verlassene Anstalt saniert werden soll, wittert Gordon seine Chance und überschlägt sich geradezu, um den Auftrag und einen satten Bonus zu sichern. In einer Woche sollen er mit seinem Team das gesamte Gebäude von krebserregendem Dämmstoff beseitigen. Ein anstrengender und vor allem riskanter Job.Gordon erweckt während all dem nicht unbedingt den Eindruck, als wäre er als Chef daran interessiert, sein Team zu motivieren. Oder auch nur dazu in der Lage. Er nimmt nicht einmal wirklich Notiz von den kleinen und großen Streitereien seiner Angestellten. Er wirkt angespannt, abwesend, wie im Halbschlaf.
Das Team dringt während der Woche in das Gebäude vor und findet nicht nur Asbest vor. Zeichen von nächtlichem Vandalismus und die Geschichten des Nachtwächters bei der Schlüsselübergabe heben nicht gerade die Stimmung. Der Erfolgsdruck ist hoch. Die Verfassung des Teams schwankt zwischen misstrauisch bis paranoid. Das Gebäude strahlt etwas aus, das den Fluchtinstinkt aller Beteiligten aktiviert. Aber es gibt kein Zurück. Mit jedem Arbeitstag dringt Gordons Crew tiefer in die Katakomben der Danvers State Anstalt vor.
Die Falle ist scharf
Jedes weitere Wort wäre bereits zu viel gesagt und würde sicher alles verderben. Daher bleibt uns nichts übrig, als eine klare Empfehlung auszusprechen. Teil 2 unserer Psycho-Horror-Reihe folgt übrigens schon bald. Als Nächstes steht Dark Water von Hideo Nakata auf dem Programm.









