Drama
Bewertung und Kritik von
Filmfan "miniwatu" am 24.05.2026Ein bewegender, aber nicht makelloser Blick auf den AIDS-Aktivismus
Robin Campillos „120 BPM“ ist ein filmisches Meisterwerk, das den verzweifelten, mutigen Kampf der AIDS-Aktivist:innen der 1990er Jahre mit atemberaubender Intensität und Empathie auf die Leinwand bringt. Der Film besticht durch seine schonungslose Ehrlichkeit, die politischen Debatten innerhalb von Act Up-Paris und die eingewobene Liebesgeschichte zwischen Nathan und Sean, die dem Ganzen eine zutiefst menschliche Dimension verleiht. Gerade diese Kombination aus kollektivem Widerstand und persönlicher Zärtlichkeit macht den Film so berührend – er zeigt nicht nur den Kampf, sondern auch das Leben, das es zu retten galt.
Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten: Die Backstory von Sean, der als 16-Jähriger von seinem Mathematiklehrer mit HIV infiziert wird, reproduziert leider ein schädliches Klischee – das des „pädophilen Schwulen“. Diese Darstellung ist nicht nur unrealistisch (eine Infektion beim ersten Sex ist statistisch extrem unwahrscheinlich), sondern bedient auch ein homofeindliches Vorurteil, das die queere Community seit Jahrzehnten bekämpft. Hier verpasst der Film die Chance, verantwortungsvoller mit der Biografie einer Figur umzugehen.
Trotzdem überwiegt der positive Beitrag: „120 BPM“ leistet Unschätzbares, indem er eine fast vergessene Ära des queeren Widerstands ins Gedächtnis ruft – mit all ihrer Wut, Trauer und Hoffnung. Gerade für jüngere Generationen ist der Film ein wichtiges Zeitdokument, das zeigt, wie viel erreicht wurde und wie viel noch zu tun bleibt. Er ist kein perfekter Film, aber ein notwendiger. Ein Werk, das aufrüttelt, berührt und zum Nachdenken anregt – trotz seiner Schwächen.
ungeprüfte Kritik