Anti-Superheldenfilme - Teil 2

Die Unglaublichen

Die Unglaublichen - Im zweiten Teil unserer Reihe "Anti-Superheldenfilme" geht es um Cape-Kino für Kids, das seine Zuschauer nicht für dumm verkauft
Anti-Superheldenfilme - Teil 2: Die Unglaublichen
Anti-Superheldenfilme - Teil 2: Die Unglaublichen
Weiter geht es mit unserer Blog-Reihe zum Thema Anti-Superhelden-Filme. Hier werfen wir einen Blick auf Filme, die zeigen, wie vielseitig und kreativ das Genre sein kann. Dieses Mal geht es nicht um die Adaption eines Comics, sondern um ein Disney-Pixar-Original. Warum wir ausgerechnet einen Kinderfilm als würdigen Konkurrenten für zeitgenössisches Cape-Kino ins Feld führen? Hier gibt es die überraschenden Antworten.

Film 2: Die Unglaublichen

Die Unglaublichen? Ein Disney-Pixar-Film? Und das nach der langen Tirade zu FSK-12-Gewalt im letzten Artikel?

"Für Kinder" heißt nicht notwendigerweise kindisch. Das zeigt vor allem der Vergleich mit Watchmen – einer Comicverfilmung, die allgemein als recht komplex gilt. Ja, richtig gelesen. Beide Filme haben tatsächlich eine ganze Menge gemeinsam:

*SPOILER für Die Unglaublichen UND Watchmen*

  • In beiden Filmen zwingen „Zivilisten“ die Superhelden dazu, ihr Cape an den Nagel zu hängen.
  • Ein alter Verbündeter macht Jagd auf die „Supes“ im Ruhestand.
  • Der Schurke plant, der Welt eine Bedrohung vorzutäuschen, um den Helden zu spielen und die Menschheit für seine Sache zu gewinnen.
  • Dafür nutzt er keine Superkräfte, sondern die Technologie.
  • Die gespielte Weltrettung bringt unschuldige Leben in Gefahr, was den Schurken wenig interessiert.
  • Einige Helden sehnen sich nach der Zeit vor dem Verbot zurück.
  • Andere streiten vehement ab, dass sie die Arbeit als Superhelden vermissen.
  • Schließlich zwingen die Ereignisse beide Gruppen dazu, ihre Bestimmung wieder aufzunehmen.
  • Eine Liebesbeziehung entflammt von Neuem, nachdem die Superhelden wieder aktiv werden.
  • Die neue Generation muss nach einem Zeitsprung das Ruder in die Hand nehmen.
  • Der Bösewicht macht sich lustig über lange Schurkenmonologe (in seinem langen Schurkenmonolog).
  • Sein Plan kann nicht mehr vereitelt werden. Nur ein kleiner Fehler sorgt dafür, dass er sich selbst sabotiert.
  • Capes verursachen Unfälle.
Es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten, die Liste ist aber auch so schon lang genug. In jedem Fall deuten die Parallelen darauf hin, dass Pixars Heldenstreifen zumindest in Teilen von Alan Moores Comic inspiriert wurde. Trotz allem versteht sich Die Unglaublichen nicht bloß als „Watchmen für Kinder“, sondern als eine ganz eigene Geschichte. Was Regisseur Brad Bird (Der Gigant aus dem All, Ratatouille) ohne Zweifel übernommen hat, ist Moores Anspruch an komplexe Charaktere und glaubhafte Motivationen. Aber eins nach dem anderen.

Worum geht es in Die Unglaublichen?

Zwei ehemalige Superhelden gründen eine Familie und retten die Welt vor einer neuen Bedrohung. Ende. So oder so ähnlich ließe sich die Handlung sehr vereinfacht zusammenfassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Beispielen geht die Essenz des Films bei dem Versuch aber völlig verloren. Was Die Unglaublichen ausmacht, verschwindet einfach: seine Charaktere, Konflikte und – ja, wirklich – seine Philosophie.

Während andere (Superhelden-)Filme ihre Themen und Motive bestenfalls als Extra einstreuen, geht Die Unglaublichen den umgekehrten Weg. Die Story dient nur als Bühne für seine komplexen Figuren, ihre Beziehungen und Konflikte. Die Details könnten dabei aber auch problemlos anders aussehen.

Kinderfilm trifft griechische Tragödie

Der Dreh- und Angelpunkt des Films ist die Krise, mit der sich Bob Parr beziehungsweise Mr. Incredible herumschlägt. Nachdem die Regierung Superhelden als Versicherungsrisiko einstuft, folgt schnell ein Berufsverbot für maskierte Rächer. Schließlich bekommt Mr. Incredible eine neue Identität als Versicherungskaufmann zugeteilt. Ausgerechnet. Das Verbrechen freut sich über den Heldenbann und schaltet in den nächsten Gang. Bob muss derweil tatenlos zusehen, wie die Welt um ihn herum ins Chaos stürzt.

Als ob diese Ironie des Schicksals nicht grausam genug wäre, darf er auch als Versicherungskaufmann niemandem helfen. Im Gegenteil. Zu seinen Aufgaben gehört es, Kunden mit Anspruch auf Hilfe abzuwimmeln und die Kosten für das Unternehmen gering zu halten. Damit arbeitet Bob aktiv gegen seine Überzeugungen. Er hätte die Fähigkeiten, um den Menschen zu helfen. Als Zahnrad im System muss er sich aber der Mehrheit – dem Durchschnitt – fügen.

Die Mehrheit hat eine Entscheidung getroffen: Mr. Incredible soll die Welt nicht retten, sondern sie jeden Tag ein wenig mehr verfinstern.

Bob dient der Bürokratie, die seiner Berufung ein Ende gesetzt hat, als austauschbarer Handlanger. Er hat nicht nur seine Identität verloren, seine Peiniger haben sie ins Gegenteil verkehrt. Der ehemalige Superheld ist zum armseligen Alltagsschurken zusammengeschrumpft. Ziemlich harter Tobak für einen Kinderfilm.

Rebellion oder Midlife-Crisis?

Bob wehrt sich im Kleinen. Heimlich hilft er Kunden und kassiert dafür Abmahnungen. Manchmal arbeitet er auch heimlich als Superheld – sehr zum Ärger seiner Frau Helen. Bob soll die Deckung wahren und mit dem durchschnittlichen Leben zufrieden sein, das die Gesellschaft den Parrs aufgezwungen hat. Bob will das nicht akzeptieren. Er fühlt sich eingesperrt und gezähmt, und auch den Kindern der beiden Ex-Helden schlägt die Situation auf den Magen:

Dash, der schneller läuft als der Schall, soll seine Begabung geheim halten. Da er keinen Sport treiben darf, spielt er den Klassenclown und fällt negativ auf. Violetta wiederum beherrscht nur einen Bruchteil ihrer Fähigkeiten: ihre Unsichtbarkeit. Sie ist davon überzeugt, sich zu verstecken, sei ihre größte und einzige Stärke.

Helen will die Familie zu Recht schützen und ihren Kindern ein normales Leben ermöglichen. Jedes Auffliegen bedeutet schließlich einen neuen Umzug für die Parrs. Dabei entgeht ihr, dass Bob durchaus einen Standpunkt hat. Sicher sind Eitelkeit und Bobs Midlife-Crisis ein Faktor für seinen Widerstand. Aber eben nicht ausschließlich. Was die Gesellschaft ihnen aufzwingt, macht sie alle unglücklich – nicht nur ihn. Die Mittelmäßigkeit verbiegt und zerbricht die Parrs. Helen auf der anderen Seite vermisst das Heldendasein am wenigsten. Auch sie handelt also möglicherweise nicht aus reiner Selbstlosigkeit.

Auftritt: Syndrome

Die Parrs sind dazu gezwungen, entgegen ihrer Natur und Bedürfnisse als „Normalos“ zu leben. Am anderen Ende des Spektrums steht der Schurke des Films: Buddy und sein Alter Ego Syndrome.

Buddy ist ein normaler Mensch ohne Superkräfte, der gern „super“ wäre. Das geht aber nicht, so sehr er sich auch anstrengt. Ständig bringt er sich und andere mit seinen Erfindungen und Gadgets in Gefahr. Als Bob ihm eine Absage als Sidekick erteilt, zerbricht etwas in Buddy. Seine Schlussfolgerung lautet aber nicht, dass sein Plan, ein Superheld zu werden, unrealistisch ist. Bob, Superhelden im Allgemeinen und alle anderen sind das Problem. Also versucht er umso verbitterter, etwas zu verkörpern, das er niemals sein kann.

Schließlich fasst Buddy einen Plan: Er will der Welt eine Bedrohung vorspielen, die nur er mit seinen Gadgets bezwingen kann. Da er alle anderen Superhelden zuvor ermordet hat, kann nur Syndrome helfen. Schließlich müssen ihn die Leute als Held des Tages feiern, und sobald er seine Technologie nicht mehr braucht, verkauft er sie an die gesamte Welt. Dann wäre jeder „super“ und so wäre es letzten Endes niemand mehr. Jemals.

Eines Tages werde ich es euch zeigen!

Buddy kann nicht „super“ sein. Also inszeniert er einen Komplott, um die Überdurchschnittlichkeit abzuschaffen. Damit niemand größer ist als er selbst. Eigentlich teilen er und die Parrs aber ein Problem: Sie alle bewegen sich außerhalb ihrer natürlichen Veranlagungen. Deswegen fühlen sie sich miserabel. Die Parrs werden klein gehalten. Buddy hingegen versucht, größer zu sein, als er eigentlich ist. Bob, Helen und die Kinder entschließen sich im Laufe des Films dazu, ein Leben zu führen, das ihren Bedürfnissen entspricht. Darin liegt ihre Erlösung.

Buddy auf der anderen Seite versteift sich mit jeder Sekunde mehr auf seine Variante der Realität. Da er keine wahre Größe verkörpern kann, darf es auch sonst niemand. Der bloße Gedanke an die Überlegenheit anderer treibt ihn zur Weißglut. Also muss die ganze Welt bei seinem Theater mitspielen, damit er glücklich ist. Das kann offensichtlich nicht lange gutgehen. Der zentrale Unterschied zwischen den Helden und dem Schurken liegt also in der Fähigkeit, sich selbst als das zu erkennen und zu akzeptieren, was sie sind. Wo die Parrs obsiegen, versagt Buddy wieder und wieder.

Dabei verkehrt Die Unglaublichen das alte Klischee des gutherzigen Underdogs ins Gegenteil. Syndrome ist kein fieser Highschool-Quarterback und Bob nicht der Streber mit dem Herz aus Gold, der am Ende der Welt seinen Wert beweist. Regisseur Brad Bird vertauscht die Rollen: Buddy entspricht Peter Parker und Mr. Incredible Flash Thompson. Der Nerd wäre gern der strahlende Held. Deswegen kompensiert er seine Schwäche durch Hinterlist. Er rettet die Welt nicht wirklich. Er rächt sich an ihr, indem er ihr seinen Stempel aufdrückt. Nicht, weil sie ihm schadet, sondern weil sie seinem Ego keinen Tribut zollt. Er ist gehässig, feige und skrupellos.

Bob entspricht als Mr. Incredible ganz seinen angestammten Fähigkeiten. Sein gutherziges Wesen erklärt sich also von selbst. Bob muss nichts kompensieren, um glücklich zu sein – er muss nur wieder er selbst werden. Buddy auf der anderen Seite will etwas darstellen, was er niemals sein kann. Aus der Enttäuschung über sein Scheitern spinnt er sich die Rechtfertigung für seine Taten zusammen.

Was macht einen Helden aus?

Bob, Helen, Dash und Violetta verdienen sich ihr Happy End. Nicht nur, weil sie ihre Widersacher bezwingen, sondern indem sie dabei als Menschen wachsen. Jeder der Parrs macht eine komplexe Entwicklung innerhalb des Films durch. Sie alle sind am Ende fähiger, weiser und deshalb zufriedener als zu Beginn der Geschichte:

Bob lernt, wieder an sich zu glauben. Darüber hinaus erkennt er, dass er die Welt nicht allein retten muss.

Helen erkennt, dass sie ihren Kindern mehr zutrauen kann – und muss. Ein friedliches Leben liegt ihr. Das heißt aber nicht, dass es ihrer Familie ebenso gehen muss.

Dash bekommt ein Ventil für seine Energie. Als Sportler darf er sein Talent beweisen, sich fähig und wichtig fühlen. Dadurch fällt es ihm letztendlich leichter, sich hin und wieder zurückzunehmen.

Violetta lernt, ihr Energieschild zu benutzen, wenn es darauf ankommt. Nachdem sie ihr Potenzial kennt, folgt ihr Selbstvertrauen wie von selbst. Ihre Mitschüler nehmen sie das erste Mal wirklich wahr.

Buddy lernt gar nichts. Sein Anspruchsdenken verfestigt sich mit jedem weiteren Rückschlag. Statt seine Grenzen zu akzeptieren, setzt er noch einen drauf und fällt umso härter.

Superkräfte allein reichen nicht

Der Film nutzt seine zahlreichen Action-Szenen, um den Entwicklungsprozess der Parrs zu verbildlichen. Nie lösen Superkräfte allein das Problem oder bezwingen einen Gegner. Erst die Kombination aus Fähigkeiten und ihrem geschickten Einsatz führt zum Erfolg. Die Parrs müssen also erst etwas über sich lernen, um den Sieg davonzutragen.

Syndrome hingegen stellt sich nie wirklich einem Konflikt. Alle Konfrontationen lässt er von Untergebenen und Robotern ausfechten, ohne Eigeninitiative oder Mut zu beweisen. So verpasst er es, sich wirklich einer Herausforderung zu stellen und vielleicht an ihr zu wachsen.

Der einzige richtige Kampf, den Buddy antritt, ist von vornherein zu seinen Gunsten manipuliert – und trotzdem versagt er kläglich. Seine Pläne und Gadgets geben ihm Kräfte, die nicht seinem Wesen entsprechen. Bob hingegen kennt die Grenzen seiner übermenschlichen Muskelkraft, weil sie zu ihm gehört. Auch Helen kennt ihre Kräfte. Durch Erfahrung hat sie gelernt, ihre Elastizität effektiv und kreativ einzusetzen. Aus ihrer Superkraft ist ein Instinkt entstanden.

Buddy hat über hunderte künstliche Fähigkeiten und keine davon kennt er wirklich. Zumindest nicht so wie die Parrs. Seine Ambition übersteigt seine tatsächlichen Fähigkeiten. Ein Rezept für eine Katastrophe.

Fazit:

Die Unglaublichen gilt zu Recht als Meisterwerk der Animation und des Superhelden-Genres. Trotz des gehobenen Alters lässt der Pixar-Streifen Konkurrenten im Staub zurück, selbst ohne zeitgemäße fotorealistische Animation. Die Stärken des Films liegen ganz woanders: Brad Bird gestaltet die Welt der Parrs als retrofuturistische Version Amerikas der 50er- und 60er-Jahre, die vor Stil nur so strotzt. Keine Einstellung lässt Zweifel daran, aus welchem Film sie stammt. Gleichzeitig transportieren die Bildkomposition und der Schnitt gekonnt die Stimmung der jeweiligen Szenen. Tragweite, Emotionen, Kontext: All das schafft Pixar durch die Bildsprache des Films. Ganz ohne unnötigen Dialog.

Realistisch wirken vor allem die Unglaublichen selbst: Bob, Helen und die Kinder verhalten sich wie echte Menschen mit plausiblen Motiven. So zieht der Pixar-Film die Zuschauer trotz seines rüstigen Alters in den Bann. Die Unglaublichen bleibt auch 20 Jahre später ein Meisterwerk, weil sich der Film eben nicht nur als Vehikel für visuelles Spektakel versteht. Was Kinozuschauer heute beeindruckt, ist morgen bereits überholt. Es braucht also mehr als nur hyperrealistische Animation: Seele und eine kreative Vision. Genau diesen Mehrwert liefert Die Unglaublichen in rauen Mengen und gerade deshalb bleibt der Film zeitlos.

Suerhelden-Filme, die aus dem Rahmen fallen:

Die Unglaublichen

Die Rettung naht.

Die Unglaublichen

Die Rettung naht.
Kids

Mit dem Meisterwerk 'Die Unglaublichen' gelingt den Oscar-prämierten Machern von 'Findet Nemo', 'Cars' und 'Toy Story' ein erneuter Angriff auf die Lachmuskeln. Ihre unglaublichen Superwaffen: coole Sprüche, fantastische Einfälle und explosive Action: Einmal den...  mehr »

Erschienen am:
14.04.2005
Produktion:
2004
Medien:
DVD, Blu-ray
Freigabe:
FSK 6
Bewertung:

Watchmen

Die Wächter - Wer wird uns jetzt retten?

Watchmen

Die Wächter - Wer wird uns jetzt retten?
Fantasy

Jemand tötet unsere Superhelden. Es ist das Jahr 1985 und die Superhelden schließen sich zusammen, um den Mord an einem der ihren aufzuklären. Schon bald decken sie einen teuflischen Plan auf, der die gesamte Menschheit in tödliche Gefahr bringt. Während die...  mehr »

Erschienen am:
06.08.2009
Produktion:
2009
Medien:
DVD, Blu-ray, 4K UHD
Freigabe:
FSK 16
Bewertung:

Noch mehr Collections aus allen Genres

Die besten Filmlisten passend zusammengestellt

Hier findest du alle Collections