Wie lassen sich die Grenzen des Sag- und Sichtbaren durch Kunst verschieben, trotz oder gerade wegen aller Widerstände? Vor gut 50 Jahren erklärte eine Handvoll Künstler die einstige sozialistische Vorzeigestadt Chemnitz/Karl-Marx-Stadt zur avantgardistischen Happening-Zone. Ob stumme Performances oder Pleinairs an der See, überbordende Künstlerfeste oder kaltnadelradierte Kollektivwerke - die Künstlergruppe 'Clara Mosch' und die genossenschaftlich organisierte Galerie 'Oben' haben seit den 70er Jahren bewiesen, dass Kunst in der DDR frei sein kann, und westlichen Vorbildern wie Joseph Beuys in nichts nachsteht...
Mit ihrem Dokumentarfilm 'Go Clara Go - Die Kunst des kreativen Widerstands' (2025) legt die Regisseurin Sylvie Kürsten ein Ausnahmekapitel ostdeutscher Kunstgeschichte offen. Zusammen mit den Protagonisten von damals spürt sie der kreativen Energie dieses subkulturellen Durchlauferhitzers am sächsischen Erzgebirgsrand nach und taucht tief ein in diese legendäre DDR-Parallelwelt, in der Kunst und Leben immer zusammen gehörten. Das zog zahlreiche Fans an, aber auch die Spitzel der Stasi. Ein filmisches Fest für die nonkonforme Kunst aus dem Osten und eine Hommage an die Heimat, pünktlich zum europäischen Kulturhauptstadtjahr 2025, als Chemnitz das Kunstpublikum aus aller Welt empfing. Filmemacherin Kürsten über ihren Film: "Da, wo es besonders wenig zu lachen gibt, muss man umso lauter lachen. 2017 hält ein Zeitungsartikel die halbe deutsche Kunstwelt - und auch mich - in Atem: Ein sächsischer Kunstwissenschaftler kritisiert, dass ein westdeutsch dominierter Kunstbetrieb die kunstgeschichtliche Epoche aus der DDR zwischen 1945 und 1990 ohne Not ins Depot entsorgt. Er wettert gegen die Auslöschung des kulturellen Gedächtnisses dieses Landes, fordert eine sogenannte 'Wende an den Wänden'. Und genau diese Parole treibt mich als Filmemacherin aus dem Osten von diesem Moment an. Seit 2011 realisiere ich Filme über Kunst, interviewe Künstler, portraitiere Museen - doch die Kunst aus meinem Heimatland war lange ein blinder Fleck. Ich kannte Monet und Michelangelo, aber keinen Mattheuer, geschweige denn die Mosch. Diese kleine renitente Gruppe, welche die Kulturpolitiker des Landes vor 50 Jahren zum Narren hält und die offizielle Doktrin sozial-realistischer Erbauungskunst unterwandert. Mit häufig sehr kleinen, aber großartigen, nonkonformen Werken. Und vor allem mit Aktionen, die nicht nur den klassischen Kunstrahmen, sondern auch kulturpolitische Vorgaben sprengen. Ihnen und ihrer unverbrüchlichen Energie ist dieser Film gewidmet. Denn der Kampf, kulturelle Räume zu erhalten, und der Zwang, mit Machthabern jonglieren zu müssen, ist in Zeiten von aufstrebenden Autokratien und entgrenztem Kapitalismus wieder hochaktuell. Die künstlerischen Stehaufpuppen aus Karl-Marx-Stadt haben bei ihren Künstlerfußballfesten und legendären Mittwochsveranstaltungen eine kreative Widerstandstaktik erprobt, von der wir heute lernen können. Spätestens jetzt braucht es einen Film über die Gruppe Clara Mosch - es ist genau der richtige und vielleicht auch der letzte Moment, in dem wir von den Erfahrungen dieser schrägen, aber doch immer freien und humorvollen Vögel lernen können."